Gran Sasso
Region Abruzzen

Gran Sasso

Gran Sasso: Höchstes Bergmassiv des Apennin

Wer in Mittelitalien nach echtem Hochgebirge sucht, landet unweigerlich beim Gran Sasso. Das Kalkmassiv in den Abruzzen trägt mit dem Corno Grande den höchsten Gipfel des Apennin, und es sieht auch so aus: schroffe Wände, weite Geröllfelder, im Frühsommer noch Schneefelder in den Nordrinnen. Der Name bedeutet schlicht "großer Fels", und das trifft es ziemlich genau. Zum Massiv gehören mehrere Ketten, die zusammen mit den benachbarten Monti della Laga den Parco Nazionale del Gran Sasso e Monti della Laga bilden. Der Nationalpark wurde 1991 eingerichtet, umfasst rund 150.000 Hektar und reicht über drei Regionen, fünf Provinzen und 44 Gemeinden. Hier leben Apenninwölfe, Abruzzengämsen und Steinadler, und die Parkverwaltung sitzt in Assergi, einem der klassischen Zugänge ins Gebirge. Das Besondere an...
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Wer in Mittelitalien nach echtem Hochgebirge sucht, landet unweigerlich beim Gran Sasso. Das Kalkmassiv in den Abruzzen trägt mit dem Corno Grande den höchsten Gipfel des Apennin, und es sieht auch so aus: schroffe Wände, weite Geröllfelder, im Frühsommer noch Schneefelder in den Nordrinnen. Der Name bedeutet schlicht "großer Fels", und das trifft es ziemlich genau.

Zum Massiv gehören mehrere Ketten, die zusammen mit den benachbarten Monti della Laga den Parco Nazionale del Gran Sasso e Monti della Laga bilden. Der Nationalpark wurde 1991 eingerichtet, umfasst rund 150.000 Hektar und reicht über drei Regionen, fünf Provinzen und 44 Gemeinden. Hier leben Apenninwölfe, Abruzzengämsen und Steinadler, und die Parkverwaltung sitzt in Assergi, einem der klassischen Zugänge ins Gebirge.

Das Besondere an diesem Berg ist seine Lage. Vom Gipfel schaust du bei klarer Luft bis zur Adria, die keine 50 Kilometer entfernt liegt. Wer möchte, verbindet ein paar Bergtage mit Badetagen an der Küste, ohne stundenlang umzusetzen. Weitere Bergziele in Italien findest du in unserem Überblick zu den Bergen Italiens.

Corno Grande, die Gipfel und der Calderone

Der Corno Grande ist mit 2.912 Metern der höchste Punkt des Apennin und außerhalb der Alpen der höchste Berg Italiens. Die oft zu lesende Angabe, der Gran Sasso sei das höchste Gebirge Italiens, stimmt nicht: In den Alpen liegen die Berge deutlich höher. Der Corno Grande hat drei Gipfelpunkte, den Westgipfel mit 2.912 Metern, den Ostgipfel mit 2.903 Metern und den Mittelgipfel mit 2.893 Metern. Ringsum stehen weitere markante Berge, darunter der Corno Piccolo mit 2.655 Metern, der Pizzo d'Intermesoli mit 2.635 Metern und der Monte Camicia mit 2.565 Metern, dessen Nordwand zu den größten Wandfluchten des Apennin gehört.

In einer Mulde an der Nordseite des Corno Grande liegt der Calderone, der südlichste Gletscher Europas mit Ausnahme zweier winziger Eisfelder in den Albanischen Alpen. Sein Zustand zeigt den Klimawandel im Zeitraffer: Im Jahr 2000 zerfiel das Eis in zwei Teile ohne durchgehende Verbindung, und Messungen von CNR, der Universität Ca' Foscari Venedig und weiterer Institute wiesen zuletzt nur noch wenige Dutzend Meter Eis unter einer Schuttdecke nach. Fachleute rechnen damit, dass der Calderone in absehbarer Zeit verschwindet. Vom Normalweg auf den Corno Grande siehst du die Reste von oben.

Campo Imperatore, das Klein-Tibet der Abruzzen

Südlich der Gipfelkette breitet sich die Hochebene Campo Imperatore aus, eine baumlose Karstfläche von rund 80 Quadratkilometern in Höhen zwischen etwa 1.500 und 2.100 Metern. Ihr Spitzname "Klein-Tibet" kommt von der Weite: grasbedeckte Wellen bis zum Horizont, dahinter die Felsmauern des Massivs, kaum ein Gebäude. Im Sommer weiden hier Schafherden, wie sie seit Jahrhunderten über die Transhumanzwege der Abruzzen ziehen, und im Winter liegt die Ebene oft unter geschlossener Schneedecke.

Für Reisende ist Campo Imperatore der zentrale Ausgangspunkt: Von hier starten die meisten Wanderungen, hier enden Seilbahn und Passstraße, und hier stehen die Schutzhütten und das historische Berghotel.

Wandern und Bergsteigen am Gran Sasso

Der Nationalpark hat ein dichtes, markiertes Wegenetz, das von einfachen Runden über die Hochebene bis zu ernsten Hochtouren reicht. Der Normalweg auf den Corno Grande beginnt an der Bergstation Campo Imperatore auf 2.130 Metern, führt über die Sella di Monte Aquila und die Sella del Brecciaio und dann durch steile Geröllhänge zum Westgipfel. Der italienische Alpenverein CAI stuft ihn als EE ein, also als Weg für erfahrene Bergwanderer. Technisch schwierig ist er im Sommer nicht, aber er ist lang, steinschlaggefährdet und verlangt Trittsicherheit und Schwindelfreiheit.

Anspruchsvoller wird es auf den Graten, etwa auf dem Sentiero del Centenario, einem langen alpinen Höhenweg mit gesicherten Passagen, oder auf den Kletterrouten am Corno Piccolo und in der Nordwand des Corno Grande. Unterschätze das Gebirge nicht, nur weil es in Mittelitalien liegt: Über 2.500 Metern ist das echtes Hochgebirge, Gewitter bauen sich im Sommer oft schon am frühen Nachmittag auf, Nebel kommt in Minuten, und Altschneefelder halten sich bis in den Juli. Früh starten, Wetterbericht lesen, Helm und feste Schuhe mitnehmen. Leichtere Touren in ganz Italien findest du auf unserer Seite zum Wandern in Italien.

Wintersport und die Seilbahn

Campo Imperatore gehört zu den ältesten Wintersportgebieten Italiens, der Skibetrieb reicht bis in die 1920er und 1930er Jahre zurück. Die Seilbahn fährt von Fonte Cerreto auf etwa 1.150 Metern hinauf auf rund 2.130 Meter und braucht dafür ungefähr sieben Minuten. Oben warten Pisten in offenem, weitem Gelände, dazu Loipen und Skitourenrouten. Das Gebiet ist überschaubar und eher etwas für sichere Fahrer als für Anfänger, dafür gilt es als schneesicher und ist bei Tourengehern und Freeridern beliebt. Die Zufahrtsstraße oberhalb von Fonte Cerreto ist im Winter in der Regel gesperrt, dann führt die Seilbahn hinauf.

Mussolinis Befreiung und das Labor unter dem Berg

Das Hotel Campo Imperatore auf der Hochebene ist der Schauplatz eines der bekanntesten Ereignisse des Zweiten Weltkriegs in Italien. Dort hielten die italienischen Behörden Benito Mussolini nach seinem Sturz gefangen, bis ihn am 12. September 1943 ein deutsches Kommando unter dem Decknamen "Unternehmen Eiche" mit Lastenseglern befreite. Das Hotel steht bis heute, ein Zimmer erinnert an die Episode.

Deutlich jünger und ebenso ungewöhnlich sind die Laboratori Nazionali del Gran Sasso. Seitlich des Autobahntunnels liegt tief im Fels das größte Untergrundlabor der Welt, betrieben vom italienischen Institut für Kernphysik INFN. Rund 1.400 Meter Gestein schirmen drei große Hallen gegen kosmische Strahlung ab, sodass dort nach dunkler Materie gesucht und Neutrinos gemessen werden können. Über tausend Forschende aus mehr als 30 Ländern arbeiten mit.

Orte und Ausflüge rund um das Massiv

Am Fuß des Gebirges liegt L'Aquila, die Hauptstadt der Abruzzen, die nach dem schweren Erdbeben von 2009 in großen Teilen wieder aufgebaut wurde und ein guter Standort für Bergtage ist. Südöstlich der Hochebene reihen sich einige der schönsten Bergdörfer Italiens aneinander: Santo Stefano di Sessanio mit seinem mittelalterlichen Ortskern und dem Medici-Turm, das benachbarte Calascio und darüber die Burgruine Rocca Calascio auf rund 1.460 Metern, die durch Filme wie "Der Name der Rose" und "Ladyhawke" bekannt wurde.

Auf der Nordseite lohnt Castelli, ein Handwerksort, in dem seit dem Mittelalter Majolika gefertigt wird und in dem Werkstätten und ein Keramikmuseum die Tradition lebendig halten. Und wenn dir nach Meer ist, stehst du von Campo Imperatore aus in gut anderthalb Stunden in Pescara am Adriastrand.

Anreise und beste Reisezeit

Mit dem Auto kommst du über die Autobahn A24 heran, die Rom mit Teramo verbindet und dabei das Massiv im gut zehn Kilometer langen Gran-Sasso-Tunnel unterquert. Von der Ausfahrt Assergi geht es hinauf nach Fonte Cerreto und weiter nach Campo Imperatore. Die nächsten Flughäfen sind Rom und Pescara, von beiden aus fährst du in etwa zwei Stunden ans Gebirge.

Aus Österreich rechnest du ab Innsbruck grob mit 850 Kilometern über den Brenner, Verona, Bologna und die Adria-Achse. In Österreich brauchst du die Autobahnvignette, für die Brennerautobahn kommt eine separate Streckenmaut dazu, in Italien wird an den Mautstellen abgerechnet. Aus der Schweiz sind es ab Zürich grob 900 Kilometer über den Gotthard und Mailand, dazu die schweizerische Jahresvignette, die es nicht als Kurzzeitversion gibt.

Zum Wandern ist die Zeit von Ende Juni bis Anfang Oktober am verlässlichsten, weil dann die Altschneefelder weitgehend weg sind und die Hütten und die Seilbahn arbeiten. Juli und August sind auf der Hochebene angenehm kühl, aber gewitteranfällig, der September bringt oft die klarste Fernsicht. Die Skisaison läuft je nach Schneelage etwa von Dezember bis März. Rechne zu jeder Jahreszeit mit schnellen Wetterumschwüngen: Der Gran Sasso liegt zwischen Adria und Tyrrhenischem Meer, Wind und Nebel drehen hier oft binnen einer Stunde, und im Winter sind die Zufahrten nach starkem Schneefall zeitweise gesperrt.

Über den Autor

Marcus

Mitgründer von italien.de Reiseziele und Küche

Marcus fährt seit 2002 mehrmals im Jahr nach Italien, vom Norden bis in den Süden, mit einer Schwäche für die Toskana rund um Siena und Florenz. Zu Hause steht er nach Nonna-Art am Herd, und über seine Carbonara lässt er nicht mit sich verhandeln.

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