Lampedusa ist der südlichste Punkt Italiens und liegt näher an Afrika als an Europa: Rund 200 Kilometer trennen die Insel von Sizilien, aber nur gut 110 Kilometer von der tunesischen Küste. Geologisch sitzt die Insel bereits auf dem afrikanischen Kontinentalsockel, verwaltet wird sie von der sizilianischen Provinz Agrigent. Wer hierher reist, kommt vor allem wegen des Wassers. Es leuchtet in einem Türkis, das im Mittelmeer seinesgleichen sucht, und hat der Insel Vergleiche mit der Karibik eingebracht, die ausnahmsweise nicht übertrieben sind.
Die Insel selbst ist karg: ein flaches Kalksteinplateau von rund 20 Quadratkilometern, dessen höchste Erhebung, die Albero Sole, nur 133 Meter misst. Bäume gibt es kaum, denn die Besiedlung im 19. Jahrhundert kostete Lampedusa fast seinen gesamten Baumbestand. Was auf den ersten Blick wie ein Mangel wirkt, gehört zum Charakter der Insel: Hier gibt es keine grünen Hügel und keine Weinberge, sondern Fels, Macchia, Licht und Meer.
Rund 6.000 Menschen leben dauerhaft auf Lampedusa, fast alle im einzigen Ort der Insel rund um den Hafen. Zusammen mit den Nachbarinseln Linosa und Lampione bildet Lampedusa die Pelagischen Inseln, deren Name sich vom griechischen Wort für Hochsee ableitet. Massentourismus hat sich hier nie entwickelt, das Angebot an Unterkünften ist begrenzt, und wer im Juli oder August kommen will, sollte früh buchen.
Spiaggia dei Conigli: der berühmteste Strand der Insel
Der Kaninchenstrand an der Südküste ist der Grund, warum viele Besucher überhaupt von Lampedusa gehört haben. Die Spiaggia dei Conigli taucht seit Jahren regelmäßig in den Ranglisten der schönsten Strände Europas auf, 2013 wählten die Nutzer von Tripadvisor sie sogar zum schönsten Strand der Welt. Der Ruhm hat einen realen Kern: feiner, heller Sand, eine geschützte Bucht und flach abfallendes Wasser, das vom hellen Türkis am Ufer bis zum tiefen Blau der Fahrrinne alle Abstufungen zeigt. Der vorgelagerten Isola dei Conigli, einem kleinen felsigen Eiland, verdankt der Strand seinen Namen; bei ruhigem Wasser lässt sich die flache Lagune dorthin durchwaten.
Der Strand liegt im Naturreservat Isola di Lampedusa, das seit 1995 besteht und vom Umweltverband Legambiente betreut wird. Die Spiaggia dei Conigli ist einer der wenigen Orte Italiens, an denen die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) noch regelmäßig ihre Eier ablegt. Deshalb gelten Regeln: Der Zugang ist geregelt, in der Hauptsaison ist die Besucherzahl begrenzt, nachts bleibt der Strand gesperrt, und Sonnenschirme dürfen nicht in den Sand gerammt werden, wo Gelege liegen könnten. Vom Parkplatz an der Straße führt ein Fußweg in etwa 15 bis 20 Minuten hinunter zur Bucht. Einrichtungen wie Bars oder Liegenverleih gibt es bewusst nicht, Wasser und Sonnenschutz gehören also ins Gepäck.
Buchten und Strände rund um die Insel
Die Südküste Lampedusas ist die sanfte Seite der Insel. Hier reihen sich Buchten und Sandstrände aneinander, während die Nordküste als steile, bis zu hundert Meter hohe Felswand ins Meer abbricht und weitgehend unzugänglich bleibt. Direkt am Ort liegt die Cala Guitgia, der bequemste Strand der Insel, mit flachem Wasser und kurzen Wegen. Wenige Minuten weiter westlich folgen die Cala Croce und die Cala Madonna, beide gut zu Fuß oder mit dem Roller erreichbar. Wer es einsamer mag, steigt zur Cala Pulcino hinab, einer kleinen Bucht am Ende einer Schlucht, die nur über einen Fußweg oder vom Meer aus zugänglich ist. Ein Sonnenuntergang lohnt sich am Westende der Insel beim Capo Ponente, wo der Blick über die Steilküste bis nach Lampione reicht.
Die spektakulärste Stelle der Küste erreicht man ausschließlich per Boot: die Tabaccara, eine Bucht an der Südwestküste ohne Strand, dafür mit Wasser von einer Klarheit, die Boote darüber schweben lässt, als hingen sie in der Luft. Die Bilder dieser scheinbar fliegenden Boote haben die Bucht bekannt gemacht. Nahezu jede Bootstour um die Insel legt hier einen Badestopp ein, die Ausflüge starten morgens im Hafen und dauern meist einen ganzen Tag, Mittagessen an Bord inklusive. Wie sich die Strände Lampedusas in die sizilianische Küstenlandschaft einordnen, zeigt die Übersicht der Strände Siziliens.
Tauchen im Meeresschutzgebiet
Seit 2002 sind die Gewässer um Lampedusa, Linosa und Lampione als Meeresschutzgebiet Area Marina Protetta Isole Pelagie ausgewiesen. Es umfasst gut 46 Kilometer Küste und mehr als 4.000 Hektar Meeresfläche, unterteilt in Zonen mit unterschiedlich strengen Regeln. Für Taucher gehört das Revier zu den besten Italiens, vergleichbar mit Ustica im Norden Siziliens: Die Sichtweiten sind außergewöhnlich, unter Wasser warten Steilwände, Grotten und Seegraswiesen, dazu Zackenbarsche, Barrakudas und mit etwas Glück vorbeiziehende Schildkröten. Am Felsen Lampione tauchen in den Sommermonaten regelmäßig Sandbankhaie (Carcharhinus plumbeus) auf, ein für das Mittelmeer seltenes Erlebnis, das erfahrenen Tauchern vorbehalten ist.
Mehrere Tauchbasen im Ort bieten geführte Ausflüge und Kurse an, auch Schnorchler kommen in den flachen Buchten voll auf ihre Kosten. Wer einen Tauchschein machen oder auffrischen will, findet Anbieter auf der Insel wie auf der Hauptinsel, eine Übersicht geben die Tauchschulen auf Sizilien.
Schildkröten: das Wappentier von Lampedusa
Die Unechte Karettschildkröte ist auf Lampedusa allgegenwärtig, als Nistgast am Kaninchenstrand ebenso wie als Motiv auf Schildern und in Souvenirläden. Seit den 1990er Jahren kümmern sich Helfer auf der Insel um verletzte Tiere, die sich in Netzen verfangen haben, Angelhaken verschluckt oder Plastik gefressen haben. Heute betreibt die Organisation Lampedusa Turtle Rescue die Rettungsstation, in der jedes Jahr eine dreistellige Zahl von Schildkröten versorgt, aufgepäppelt und markiert wieder ins Meer entlassen wird. Die Station kann besucht werden und erklärt anschaulich, warum die Strandregeln am Kaninchenstrand so streng sind. Für Kinder ist der Besuch oft der eindrücklichste Programmpunkt des Urlaubs.
Der Ort Lampedusa: Hafen, Via Roma und Abendleben
Das Leben der Insel konzentriert sich auf den einzigen Ort, der sich um den Hafen im Südosten legt. Tagsüber laufen hier die Ausflugsboote aus und die Fischer landen ihren Fang an, abends wird die Via Roma zur Flaniermeile: Restaurants, Bars und Geschäfte öffnen bis spät, und im Sommer schiebt sich die Passeggiata durch die Straße wie in jeder sizilianischen Kleinstadt. Die Küche ist geprägt von dem, was das Meer hergibt, und von der Nähe zu Nordafrika. Typisch ist Couscous mit Fisch, wie er auch im Westen Siziliens serviert wird, dazu frischer Thunfisch, Schwertfisch und Garnelen.
Besiedelt war Lampedusa schon in der Antike, Griechen, Römer, Byzantiner und Araber hinterließen ihre Spuren. Im Mittelalter lag die Insel dann über Jahrhunderte weitgehend verlassen im Meer, ehe König Ferdinand II. von Neapel und Sizilien sie Mitte des 19. Jahrhunderts gezielt besiedeln ließ. Aus dieser Zeit stammt der heutige Ort, und aus dieser Zeit stammt auch die Kahlheit der Insel, denn die Kolonisten rodeten die Wälder für Ackerbau und Bauholz. Gelebt haben die Lampedusani seither vor allem vom Fischfang, lange auch vom Schwammtauchen, heute in erster Linie vom Tourismus.
Sehenswürdigkeiten im klassischen Sinn hat der Ort wenige, und genau das gehört zur Wahrheit über Lampedusa: Wer Kathedralen, Museen und antike Stätten sucht, ist auf der Hauptinsel besser aufgehoben, etwa in Agrigent mit seinem berühmten Tal der Tempel. Lampedusa dagegen ist eine Insel für Tage, die aus Baden, Bootfahren, Tauchen und langen Abendessen bestehen. Erwähnenswert ist das Santuario della Madonna di Porto Salvo, ein kleines Heiligtum in einem grünen Talgrund, das als geistliches Zentrum der Insel gilt.
Linosa und Lampione: die stillen Nachbarn
Wer Zeit mitbringt, sollte einen Tagesausflug nach Linosa einplanen, die zweite bewohnte Insel des Archipels, rund 40 Kilometer nordöstlich gelegen. Linosa ist das Gegenstück zu Lampedusa: eine Vulkaninsel mit schwarzen Lavastränden, erloschenen Kratern und bunt gestrichenen Häusern, auf der nur wenige hundert Menschen leben. Auch hier legt die Karettschildkröte ihre Eier ab. Lampione schließlich, die dritte im Bunde, ist kaum mehr als ein unbewohnter Felsen mit Leuchtturm im Westen, der nur bei Bootsausflügen und Tauchgängen angesteuert wird. Wer Gefallen an kleinen, eigenwilligen Inseln findet, dem sei auch Pantelleria empfohlen, die schwarze Vulkaninsel zwischen Sizilien und Tunesien, die mit Lampedusa die Lage im äußersten Süden teilt, sonst aber kaum etwas.
Lampedusa und die Migration
Lampedusa ist seit Jahren auch ein Ort der Nachrichten: Als südlichster Punkt Italiens ist die Insel für viele Menschen, die aus Afrika über das Mittelmeer nach Europa aufbrechen, die erste Anlaufstelle. Die Zahl der Ankünfte schwankt von Jahr zu Jahr, und die Bewohner der Insel sind für ihre Hilfsbereitschaft mehrfach ausgezeichnet worden. An der Küste erinnert die Porta d'Europa, ein Tor aus Keramik des Künstlers Mimmo Paladino, an die Menschen, die die Überfahrt nicht überlebt haben. Für Urlauber ist davon im Alltag wenig zu spüren, der Tourismus und das Inselleben laufen normal weiter. Wer sich der Insel mit offenen Augen nähert, nimmt beides wahr: einen der schönsten Badeorte des Mittelmeers und einen Ort, an dem sich die Gegenwart Europas verdichtet.
Anreise und beste Reisezeit
Der schnellste Weg führt über den Flughafen Lampedusa (LMP), der direkt am Ortsrand liegt, vom Rollfeld bis zum Hafen sind es nur wenige Minuten. Ganzjährig bestehen Linienflüge ab Palermo und Catania, die Flugzeit ab Palermo beträgt etwa eine Stunde. In der Sommersaison kommen Direktflüge vom italienischen Festland hinzu, unter anderem ab Rom und Mailand. Aus dem deutschsprachigen Raum gibt es keine Direktverbindung, üblich ist die Anreise mit Umstieg auf Sizilien oder in Rom.
Die Alternative ist der Seeweg ab Porto Empedocle, dem Hafen von Agrigent: Die Nachtfähre braucht rund neun Stunden und nimmt auch Fahrzeuge mit, das Schnellboot schafft die Strecke im Sommer in gut vier Stunden. Ein eigenes Auto lohnt sich auf der kleinen Insel allerdings kaum, vor Ort sind Mietroller, Kleinwagen und die typischen offenen Minimokes die üblichen Fortbewegungsmittel, vieles lässt sich auch zu Fuß erledigen.
Die beste Reisezeit reicht von Mai bis Oktober. Im Juli und August ist die Insel am vollsten und der Scirocco, der heiße Wind aus der Sahara, kann die Temperaturen deutlich über 35 Grad treiben. Angenehmer sind Juni und vor allem September, wenn das Meer noch warm ist und die Strände sich leeren. Selbst im Oktober lässt sich hier oft noch baden, und im Winter fallen die Temperaturen selten unter 15 Grad. Die Schildkröten legen ihre Eier im Frühsommer, die Jungtiere schlüpfen im Spätsommer, in dieser Zeit gelten am Kaninchenstrand die strengsten Regeln.












