Spätbarocke Städte des Val di Noto
Die spätbarocken Städte des Val di Noto auf Sizilien: nach dem Erdbeben 1693 prächtig wiederaufgebaut,…
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Ortigia, auf Deutsch auch Ortygia geschrieben, ist die kleine Altstadtinsel von Syrakus an der Ostküste Siziliens. Sie misst nur rund einen Quadratkilometer, trägt aber das historische Zentrum der Stadt. Auf diesem Fleck begann vor über 2.700 Jahren die Geschichte eines der mächtigsten griechischen Gemeinwesen des Mittelmeers. Zwei Brücken verbinden das Eiland mit dem Festland und dem modernen Syrakus, sodass Ortigia bequem zu Fuß erreichbar ist.
Wer die Insel besucht, läuft durch enge Gassen aus hellem Kalkstein, vorbei an Barockpalästen, antiken Tempelresten und einem Dom, der einen griechischen Heiligtumsbau in sich trägt. Seit 2005 gehört das historische Syrakus gemeinsam mit der Felsnekropole von Pantalica zum UNESCO-Welterbe. Ortigia bildet den dicht bebauten Kern dieses Ensembles und lässt sich an einem Tag erkunden, verdient aber mehr Zeit, weil sich die Schichten der Geschichte hier auf kleinstem Raum überlagern.
Der folgende Überblick nennt die wichtigsten Bauwerke, ordnet sie historisch ein und beschreibt die Anreise. Er hilft bei der Planung, gleich ob Ortigia das Hauptziel einer Sizilien-Reise ist oder nur ein Zwischenstopp auf dem Weg an die Südostküste.
Archäologische Funde deuten darauf hin, dass die Insel schon in der Bronzezeit besiedelt war. Die dort lebenden Sikeler wurden um 734 v. Chr. von griechischen Siedlern aus Korinth verdrängt, die auf Ortigia die Stadt Syrákusai gründeten. Von diesem Kern aus wuchs Syrakus über Jahrhunderte zu einer der größten und reichsten Städte der griechischen Welt heran und rivalisierte zeitweise mit Athen und Karthago.
Aus dieser Blütezeit stammt auch der berühmteste Sohn der Stadt. Der Mathematiker und Ingenieur Archimedes wurde um 287 v. Chr. in Syrakus geboren und starb 212 v. Chr., als römische Truppen die Stadt eroberten. Seine Arbeiten zur Geometrie, zum Auftrieb und zu mechanischen Erfindungen wirken bis heute nach. An die griechische Vergangenheit erinnern auf Ortigia vor allem die Tempelfundamente, während die großen antiken Anlagen wie das Theater auf dem Festland liegen.
Die Lage auf einer Insel bot von Beginn an einen natürlichen Schutz. Schon in der Antike war Ortigia durch einen Damm mit dem übrigen Sizilien verbunden. Im Mittelalter kamen mächtige Befestigungsmauern hinzu, von denen sich Reste erhalten haben. So gehört zum Bild der Altstadt neben den antiken Bauten auch die wehrhafte Architektur späterer Jahrhunderte.
Nach der griechischen Zeit stand Syrakus unter römischer, byzantinischer, arabischer, normannischer und spanischer Herrschaft. Jede Epoche hat auf Ortigia Spuren hinterlassen, und gerade diese Dichte macht den Reiz der Insel aus. Antike Säulen, mittelalterliche Mauern und barocke Fassaden stehen oft nur wenige Schritte voneinander entfernt. Am besten erschließt sich das zu Fuß, indem man sich ohne festen Plan durch die Gassen treiben lässt.
Das bekannteste Bauwerk der Insel ist der Dom von Syrakus (Duomo di Siracusa), die Hauptkirche der Stadt. Er steht am höchsten Punkt Ortigias und ruht auf den Grundmauern eines dorischen Athena-Tempels aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. Dieser Tempel wurde nicht abgerissen, sondern in die Kirche einbezogen. In den Wänden des Mittelschiffs stecken bis heute die massiven dorischen Säulen des antiken Baus, deutlich sichtbar und gut erhalten.
Ab dem 7. Jahrhundert erfolgte der Umbau des Tempels zur christlichen Kirche. Über die Jahrhunderte kamen byzantinische, arabische und normannische Elemente hinzu. Ein schweres Erdbeben zerstörte 1693 weite Teile Südostsiziliens, auch der Dom wurde beschädigt. Die heutige prunkvolle Barockfassade entstand im frühen 18. Jahrhundert beim Wiederaufbau und prägt seither das Bild der Kirche. So verbindet ein einziges Bauwerk die griechische Antike mit dem sizilianischen Barock.
Im Inneren lohnt der Blick in die Seitenkapellen. Eine davon ist der heiligen Lucia geweiht, der Stadtpatronin von Syrakus. Dort wird eine kostbare silberne Heiligenstatue in einem geschlossenen Holzschrein aufbewahrt, der nur zu besonderen Festen geöffnet wird.
Vor dem Dom öffnet sich die Piazza Duomo, ein langgestreckter Platz und einer der schönsten Barockplätze Siziliens. Er entstand in seiner heutigen Form nach dem Erdbeben von 1693, als die Stadt weitgehend neu aufgebaut wurde. Rundum stehen Kirchen und Adelspaläste aus hellem Kalkstein, der sich im Abendlicht warm färbt. Der Platz ist autofrei und dient Einheimischen wie Besuchern als Treffpunkt.
Ortigia besitzt zahlreiche solcher Paläste. Ein bekanntes Beispiel ist der Palazzo Beneventano del Bosco, ein spätbarocker Adelspalast aus dem Jahr 1788, der für sein offenes Treppenhaus im Innenhof berühmt ist. Zwischen den größeren Bauten führen schmale Gassen zum Wasser, wo die Altstadt an mehreren Stellen direkt an die Uferpromenade grenzt.
Am Westufer der Insel liegt die Fonte Aretusa, eine Süßwasserquelle unmittelbar am Meer. In ihrem halbrunden Becken wächst Papyrus, der in Europa nur an wenigen Stellen natürlich gedeiht. Das heute sichtbare Becken wurde 1843 angelegt. Der Name geht auf einen antiken Mythos zurück: Die Nymphe Arethusa, eine Gefährtin der Göttin Artemis, wurde vom Flussgott Alpheios verfolgt und auf ihre Bitte hin in eine Quelle verwandelt, die auf Ortigia wieder zutage trat. Die Quelle war schon in der Antike ein bekannter Ort und ist bis heute ein beliebter Aufenthaltsplatz. Von der angrenzenden Uferpromenade, dem Lungomare Alfeo, hat man einen weiten Blick über den großen Hafen von Syrakus. Am späten Nachmittag füllen sich die Bänke, und die Sonne steht günstig für Fotos.
Am Zugang zur Altstadt, nahe der Brücke vom Festland, stehen die Reste des Apollontempels (Tempio di Apollo). Er stammt vom Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. und gilt als der älteste dorische Steintempel Siziliens. Erhalten sind vor allem Teile der Säulen und des Unterbaus, die einen Eindruck von der frühen Größe der Anlage geben. Wie so oft in Syrakus wurde auch dieser Bau später umgenutzt, zunächst als frühchristliche Kirche, dann als Moschee und schließlich als normannische Kirche.
An der Südspitze Ortigias wacht das Castello Maniace über die Hafeneinfahrt von Syrakus. Der Staufer Friedrich II. ließ die Festung zwischen 1232 und 1240 errichten, verantwortlicher Baumeister war Riccardo da Lentini. Der Bau diente zugleich als Festung und als Königspalast. Seinen Namen trägt er nach dem byzantinischen Feldherrn Georgios Maniakes, der die Stadt 1038 eingenommen hatte.
Eine Explosion beschädigte das Innere 1704 schwer. Das Äußere blieb zunächst erhalten, später wurden Teile der Obergeschosse abgetragen. Sehenswert ist das Portal, das einst von zwei Widder-Skulpturen aus Bronze flankiert war. Eine der beiden ist heute im Archäologischen Museum von Palermo ausgestellt. Vor dem Eingang erinnert eine Stauferstele an Friedrich II. Vom Kastell aus reicht der Blick über das offene Meer und den Hafen, was den Besuch besonders bei klarem Wetter lohnt.
Ortigia trägt auch Spuren einer langen jüdischen Geschichte. Das ehemalige jüdische Viertel, die Giudecca, war bis zur Vertreibung der Juden aus Sizilien im Jahr 1492 bewohnt. Unter einem Gebäude im Viertel liegt ein mittelalterliches Miqwe, ein rituelles Tauchbad, das in den Fels gehauen wurde und als eines der ältesten in Europa gilt. Als die jüdische Gemeinde die Insel verlassen musste, wurden die Becken verschüttet und erst im 20. Jahrhundert wiederentdeckt. Eine Besichtigung ist heute im Rahmen von Führungen möglich.
Ganz anders, aber ebenso lebendig ist der Mercato di Ortigia, der Markt der Altstadt. In den Vormittagsstunden bieten Händler Fisch, Gemüse, Käse, Oliven und Gewürze an. Der Markt ist kein reines Touristenziel, sondern versorgt auch die Bewohner der Insel und vermittelt einen ungeschminkten Eindruck vom Alltag in Syrakus. Rund um die Stände haben sich kleine Imbisse und Bars angesiedelt, die regionale Spezialitäten servieren. Der Markt findet in der Regel von Montag bis Samstag am Vormittag statt und schließt am frühen Nachmittag. Wer eine Kleinigkeit essen möchte, wird hier schnell fündig, von belegten Brötchen bis zu frischen Meeresfrüchten.
Wer über Ortigia hinaus möchte, findet die großen antiken Stätten auf dem Festland von Syrakus. Der Archäologische Park Neapolis vereint das griechische Theater, ein römisches Amphitheater und die Steinbrüche der Latomien. Zu diesen gehört das sogenannte Ohr des Dionysios (Orecchio di Dionisio), eine hohe, ohrförmige Grotte, die für ihre Akustik bekannt ist. Der Park liegt wenige Kilometer vom historischen Zentrum entfernt und ist mit Bus oder Auto gut zu erreichen.
Der Südosten Siziliens ist reich an Barockstädten, die nach dem Erdbeben von 1693 neu entstanden. Allen voran Noto gilt als Musterbeispiel des sizilianischen Spätbarocks und liegt gut eine halbe Stunde südlich. Gemeinsam mit weiteren Orten bildet es die Gruppe der spätbarocken Städte des Val di Noto, die ebenfalls zum UNESCO-Welterbe zählen. Nördlich locken die Hafenstadt Catania zu Füßen des Ätna sowie der Ferienort Taormina mit seinem antiken Theater. Wer griechische Tempel im großen Maßstab sehen will, findet sie im Tal der Tempel bei Agrigento an der Südküste.
Der nächste Flughafen ist Catania Fontanarossa (CTA), rund 60 Kilometer nördlich. Von dort verkehren mehrmals stündlich Busse der Linie Interbus direkt nach Syrakus, die Fahrt dauert etwa 55 Minuten. Alternativ fährt ein Regionalzug vom Bahnhof am Flughafen nach Syrakus in gut einer Stunde. Mit dem Mietwagen führt die Autobahn A18 von Catania nach Süden, aus Richtung Palermo kommt man über die A19 und weiter über Catania.
Der Bahnhof von Syrakus liegt auf dem Festland, von dort sind es zu Fuß etwa 20 Minuten bis auf die Insel Ortigia. Da die Altstadt weitgehend autofrei und eng bebaut ist, empfiehlt es sich, das Auto am Rand von Ortigia oder auf dem Festland abzustellen und die Insel zu Fuß zu erkunden. Kurze Wege sind der Regelfall, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten liegen dicht beieinander.
Als beste Reisezeit gelten Frühjahr und Herbst, etwa von April bis Juni sowie September und Oktober. Dann ist es angenehm warm, ohne die drückende Hitze des Hochsommers, und die Insel ist weniger überlaufen. Im Juli und August wird es in Südsizilien sehr heiß, dafür ist das Meer warm und das Nachtleben lebhaft. Der Winter bleibt mild, viele Betriebe haben dann jedoch eingeschränkte Öffnungszeiten. Wer die Barockstädte und antiken Stätten in Ruhe besichtigen möchte, ist in der Nebensaison am besten aufgehoben.
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