Auf rund 1.754 Metern Höhe liegt der Misurinasee (italienisch Lago di Misurina) wie ein blank geputzter Spiegel inmitten der Dolomiten, eingebettet in dunkle Nadelwälder und umringt von schroffen Felsgipfeln. Der See gehört zur Gemeinde Auronzo di Cadore in der Provinz Belluno im Osten Venetiens und gilt als größter natürlicher See des Cadore. Mit einem Uferweg von etwa zweieinhalb Kilometern Länge und einer Tiefe von nur wenigen Metern ist er kein tiefes Alpengewässer, sondern ein flacher Bergsee, dessen ruhige Fläche bei Windstille die umliegenden Berge fast fotografisch genau wiedergibt. Genau diese Spiegelung hat Misurina zu einem der bekanntesten Fotomotive der Dolomiten gemacht.
Der Spiegel der Dolomiten
Was den See so besonders macht, ist seine Lage in einem weiten Talkessel, den ein Kranz mächtiger Gipfel umschließt. Im Westen erhebt sich der vergletscherte Monte Cristallo, im Süden die zerklüftete Sorapiss-Gruppe, im Osten die schlanken Türme der Cadini-Gruppe und im Norden der Monte Piana, an dessen Hängen noch heute Spuren aus dem Ersten Weltkrieg zu finden sind. Bei ruhigem Wetter legen sich die Felswände als Spiegelbild über das Wasser, in der Morgen- und Abenddämmerung überzieht das warme Alpenglühen die Gipfel mit Rottönen. Fotografen und Wanderer stellen sich dann bevorzugt ans Nordufer, von dem aus sich die berühmte Dolomiten-Kulisse am eindrucksvollsten öffnet.
Ausgangspunkt zu den Drei Zinnen
Für viele Reisende ist der Misurinasee zugleich das Tor zu einem der berühmtesten Bergmassive der Alpen. Von Misurina aus führt die gebührenpflichtige Mautstraße hinauf zu den Drei Zinnen (italienisch Tre Cime di Lavaredo). Die kurvenreiche Bergstraße windet sich über rund sieben Kilometer bis zum Rifugio Auronzo auf etwa 2.320 Metern, dem Ausgangspunkt der klassischen Umrundung der drei Felstürme. Geöffnet ist die Straße in der Regel von Juni bis Oktober, abhängig von der Schneelage. Wer die Drei Zinnen zu Fuß angehen möchte, findet in Misurina einen bequemen Startpunkt mit Parkmöglichkeiten, Bushaltestelle und Einkehr, bevor es hinauf in die Höhe geht.
Heilklima und das Institut Pio XII
Schon lange bevor der Tourismus den See entdeckte, war Misurina für seine außergewöhnlich reine Luft bekannt. Die geschützte Lage im Talkessel, die Höhe und die weiten Nadelwälder ringsum sorgen für ein besonders mildes, staubarmes Bergklima, das als wohltuend für die Atemwege gilt. Aus diesem Ruf entstand hier eine Einrichtung, die in Italien lange einzigartig war: das Institut Pio XII, ein Klinik- und Rehabilitationszentrum, das auf die Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit Asthma und anderen Atemwegserkrankungen spezialisiert war. Bis zu seiner Schließung Ende 2022 war es das einzige seiner Art in Italien, und noch heute erinnert das Haus am Seeufer daran, dass Misurina nicht nur Ausflugsziel, sondern auch Kurort war.
Als der See olympisch war
Im Winter verwandelt sich der Misurinasee in eine dicke, tragfähige Eisfläche, und dieser Umstand schrieb einmal Sportgeschichte. Bei den Olympischen Winterspielen 1956, die im nahen Cortina d’Ampezzo ausgetragen wurden, fanden die Eisschnelllauf-Wettbewerbe auf dem zugefrorenen See statt. Es war das letzte Mal in der Geschichte der Winterspiele, dass in dieser Disziplin auf natürlichem Eis gelaufen wurde, spätere Wettkämpfe wichen auf gebaute Kunsteisbahnen aus. Eine kleine Tafel und die Erinnerung der Einheimischen halten dieses Kapitel bis heute wach.
Wandern und Genießen rund um den See
Rund um den Misurinasee führt ein weitgehend ebener Uferweg, der sich in gut einer Stunde bequem begehen lässt und immer neue Blickachsen auf die umliegenden Gipfel freigibt. Familien schätzen die kurze Strecke, ambitionierte Wanderer nutzen den See als Startpunkt für Touren zu den Cadini-Türmen, zum Monte Piana oder in das nahe Naturschutzgebiet Somadida, einen der schönsten alten Bergwälder Venetiens. Am Ufer reihen sich Hotels, Cafés und Souvenirstände, im Sommer laden Ruder- und Tretboote auf das Wasser. Wer mehr Zeit mitbringt, verbindet den Ausflug mit einem Besuch der Talstadt Belluno oder einem Abstecher an einen der großen italienischen Seen weiter im Süden.
Anreise und beste Reisezeit
Der Misurinasee liegt an der Bergstraße zwischen dem Höhlensteintal und Cortina d’Ampezzo und ist über die Dolomitenstraßen gut mit dem Auto erreichbar. Von Cortina d’Ampezzo sind es nur wenige Kilometer, auch aus dem Pustertal im Norden führen ausgeschilderte Passstraßen heran. In der Sommersaison verkehren zudem Busse, die den See mit den umliegenden Orten und der Mautstraße zu den Drei Zinnen verbinden. Wer öffentlich anreist, findet weitere Hinweise auf der Seite zur Anreise nach Italien. Die schönste Reisezeit liegt zwischen Juni und Oktober, wenn die Höhenstraßen geöffnet sind und die Wanderwege schneefrei begehbar sind, wobei der Frühsommer und der frühe Herbst mit klarer Luft und weniger Andrang die stimmungsvollsten Spiegelbilder bereithalten. Im Winter zieht die verschneite Kulisse Skigäste und Fotografen an, dann liegt der See selbst unter einer dicken Eisdecke.
















