Die Riviera di Levante in Ligurien zieht schon wegen der berühmten Cinque Terre jedes Jahr sehr viele Besucher an. Entlang der Küste findet sich aber auch so manch andere Kostbarkeit, die einen Besuch wert ist. So wie Camogli, das rund 25 Kilometer östlich von Genua am Golfo Paradiso liegt, am Fuß der Halbinsel von Portofino.
Camogli war einmal einer der wichtigsten Seefahrerorte Italiens. Im 19. Jahrhundert nannte man den Ort die Stadt der tausend weißen Segelschiffe, weil ein beträchtlicher Teil der italienischen Handelsflotte hier beheimatet war. Wer heute vom Bahnhof zum Wasser hinuntergeht, sieht davon vor allem eines: die auffällig hohen Häuserfronten am Hafen, sieben oder acht Stockwerke hoch, in Ocker, Rostrot, Gelb und Rosa gestrichen und mit gemalten Fenstern, Gesimsen und Balkonen verziert.
Ein Museumsdorf ist Camogli deshalb nicht. Der Ort hat einen aktiven Fischereihafen, eine schmale Altstadt mit Gassen und Treppen, einen langen Kiesstrand und einen Hausberg, der zum Naturpark gehört. Wer die Riviera di Levante ohne den Rummel von Portofino erleben will, ist hier richtig.
Die bemalten Häuser, der Hafen und die Altstadt
Die farbigen Fassaden haben einen praktischen Ursprung. Kräftige, klar unterscheidbare Farben halfen den heimkehrenden Seeleuten, ihr eigenes Haus schon vom Wasser aus zu erkennen. Dazu kommt die ligurische Tradition der Trompe-l'œil-Malerei: Fenster, Fensterläden, Steinquader, Säulen und Stuckrahmen sind vielfach nicht gebaut, sondern gemalt. Das war deutlich günstiger als echte Steinmetzarbeit und ließ ein schmales Fischerhaus repräsentativ aussehen. Diese Fassadenmalerei ist im ganzen Umland von Genua verbreitet, in Camogli fällt sie wegen der Höhe der Häuser besonders auf: Den Unterschied zwischen echtem und gemaltem Fenster erkennst du oft erst auf den zweiten Blick.
Der alte Hafen liegt geschützt unter dem Felssporn, auf dem die Basilica Santa Maria Assunta und das Castello della Dragonara stehen. Die Basilika geht auf das 12. Jahrhundert zurück und wurde später mehrfach umgebaut, das Innere ist reich mit Marmor, Stuck und Vergoldung ausgestattet. Daneben erhebt sich das Castello della Dragonara, eine mittelalterliche Befestigung gegen Angriffe von See. Dass Camogli mehr war als ein Fischerdorf, zeigt das Seefahrtsmuseum mit Schiffsmodellen, Navigationsgeräten und Dokumenten aus der Zeit der Segelschiffsreedereien. Rund um den Hafen reihen sich Bars, Eisdielen und Fischrestaurants.
San Fruttuoso: die Abtei und der Christus der Tiefe
Das bekannteste Ausflugsziel von Camogli aus liegt in einer winzigen Bucht auf der Halbinsel von Portofino. Die Abtei San Fruttuoso di Capodimonte steht dort unmittelbar am Wasser, eingeklemmt zwischen steilen, bewaldeten Hängen. Entscheidend ist die Lage: Es führt keine Straße dorthin. Du kommst nur mit dem Boot hin, das im Sommer regelmäßig von Camogli aus fährt, oder zu Fuß über die Wanderwege der Halbinsel.
Vor der Bucht steht in etwa 17 Metern Tiefe der Cristo degli Abissi, der Christus der Tiefe. Die Bronzefigur mit den nach oben geöffneten Armen schuf der Bildhauer Guido Galletti, versenkt wurde sie 1954, zum Gedenken an die Toten des Meeres. Taucher können sie aus der Nähe betrachten, von Camogli und Santa Margherita Ligure aus fahren außerdem Boote mit Glasboden zur Stelle. Die kleine Kiesbucht vor der Abtei lädt zum Baden ein, an schönen Sommertagen wird es dort allerdings sehr voll.
Wandern im Parco di Portofino und die Punta Chiappa
Camogli ist einer der besten Ausgangspunkte für Wanderungen im Regionalen Naturpark Portofino. Die Wege sind markiert und führen durch Macchia, Oliventerrassen und Steineichenwald, oft mit freiem Blick auf den Golf. Der Klassiker ist der Weg über den Weiler San Rocco nach San Fruttuoso, rund fünf Kilometer, für die du je nach Tempo zweieinhalb Stunden brauchst. Die Strecke ist stellenweise steil und ausgesetzt, festes Schuhwerk und Wasser gehören dazu.
Kürzer ist der Abstieg von San Rocco zur Punta Chiappa, einer flachen Felszunge, die weit ins Meer hinausragt. Dort gibt es keinen Sand, sondern glatte Felsplatten, von denen aus Einheimische ins tiefe Wasser springen. Die Landzunge gehört zum Meeresschutzgebiet Portofino und ist bei Tauchern beliebt. Wer nicht zurücklaufen mag, nimmt das Boot zurück nach Camogli.
Die Sagra del Pesce und die riesige Bratpfanne
Am zweiten Sonntag im Mai feiert Camogli die Sagra del Pesce, das Fischfest zu Ehren des Schutzpatrons der Fischer, San Fortunato. Die Geschichte beginnt 1952: Damals brieten Einheimische auf provisorischen Feuerstellen am Hafen Fisch und verteilten ihn kostenlos an Gäste und Durchreisende. Die Aktion kam so gut an, dass sie wiederholt wurde, und wenige Jahre später kam die Idee auf, das Ganze in einer einzigen riesigen Pfanne zu tun.
Heute steht am Hafen ein Padellone von rund 3,80 Metern Durchmesser mit meterlangem Stiel, in dem im Lauf des Tages mehrere Tonnen Fisch ausgebacken und an die Besucher verteilt werden. Die aktuelle Pfanne aus Edelstahl ist seit 2001 im Einsatz und löste die ältere Eisenversion aus den 1950er Jahren ab. Am Vorabend brennen an der Küste die traditionellen Feuer der Ortsviertel, den Abschluss bildet ein Feuerwerk über der Bucht. Wenn du an diesem Wochenende anreist, plane die Unterkunft früh und rechne mit vollen Zügen.
Strände und Baden in Camogli
Der Strand von Camogli zieht sich unterhalb der Häuserfront entlang und besteht aus dunklem Kies und Grobkorn, nicht aus feinem Sand. Wer Badeschuhe dabeihat, tut sich beim Einstieg leichter. Dafür ist das Wasser klar und wird schnell tief, was zum Schnorcheln taugt, für kleine Kinder aber weniger geeignet ist. Es gibt bewirtschaftete Abschnitte mit Liegen und Sonnenschirmen sowie frei zugängliche Stücke, dazu kleine Buchten in Richtung Punta Chiappa, die du zu Fuß oder mit dem Boot erreichst. Einen Überblick über die Küstenabschnitte der Region findest du auf unserer Seite zu den Stränden in Ligurien.
Ausflüge: Portofino, Santa Margherita, Genua und die Cinque Terre
Camogli eignet sich gut als Standort. Portofino mit seiner berühmten Piazzetta liegt auf der anderen Seite der Halbinsel und ist per Boot, mit Bus und Bahn über Santa Margherita oder zu Fuß über die Parkwege zu erreichen. Santa Margherita Ligure ist der größere Nachbarort mit Promenade und Fährverbindungen. Genua erreichst du mit dem Zug in gut zwanzig Minuten, dort warten die Altstadt mit den Palazzi dei Rolli, das Aquarium und der alte Hafen. Weiter östlich beginnen die Cinque Terre, die sich als Tagesausflug mit der Bahn machen lassen.
Anreise und beste Reisezeit
Camogli hat einen eigenen Bahnhof an der ligurischen Küstenlinie zwischen Genua und La Spezia, die Station heißt Camogli San Fruttuoso. Nach Genua dauert die Fahrt etwa zwanzig Minuten, Richtung Osten kommst du ohne Umsteigen bis in die Cinque Terre. Der Zug ist hier klar die bequemste Variante. Mit dem Auto fährst du über die Autobahn A12, Ausfahrt Recco. Sei dir bewusst, dass der Ortskern eng, steil und teilweise für den Verkehr gesperrt ist: Am Wasser gibt es praktisch keine Parkplätze, du stellst das Auto oben im Ort in einem Parkhaus oder an der Straße ab und gehst zu Fuß hinunter. In der Hochsaison und am Festwochenende im Mai ist das mühsam. Der nächste Flughafen ist Genua Cristoforo Colombo, von dort sind es rund 35 Kilometer.
Aus Österreich fährst du am einfachsten über den Brenner, weiter über Verona, Piacenza und Genua, ab Innsbruck sind es grob gerechnet 600 Kilometer. Für Österreich brauchst du die Vignette, auf der Brennerautobahn und in Italien kommen streckenabhängige Mautgebühren dazu. Aus der Schweiz nimmst du ab Zürich den Gotthard oder alternativ den San Bernardino und fährst über Mailand nach Genua, das sind rund 470 Kilometer. In der Schweiz gilt die Autobahnvignette, in Italien wird wieder nach Strecke abgerechnet. An Ferienwochenenden lohnt es sich, die Wartezeiten am Gotthard vorab zu prüfen.
Zum Baden ist der Zeitraum von Juni bis September die sicherste Wahl, am wärmsten ist das Meer im August. Für Wanderungen im Parco di Portofino sind Frühjahr und Herbst deutlich angenehmer: Im April, Mai, September und Oktober ist es kühl genug für die steilen Anstiege, die Macchia blüht oder duftet nach dem Sommer, und die Wege sind weniger belebt. Der Mai verbindet beides, mildes Wanderwetter und die Sagra del Pesce.
























