Campione d'Italia liegt auf einer schmalen Uferterrasse am Ostrand des Luganer Sees, rund 273 Meter über dem Meer und vollständig vom Schweizer Kanton Tessin umschlossen. Politisch gehört der Ort zur Provinz Como in der Lombardei, geografisch aber liegt er als Exklave mitten in der Schweiz. Vom italienischen Kernland trennen ihn nur etwa 500 Meter Luftlinie über den See, doch auf der Straße führt jeder Weg durch Schweizer Gebiet. Diese Sonderlage ist der Grund, warum Campione seit über hundert Jahren neugierige Besucher anzieht.
Die Gemeinde ist mit rund 2,6 Quadratkilometern winzig und zählt knapp 1.800 Einwohner. Ein großer Teil der Fläche ist Wasser, der bebaute Kern drängt sich zwischen Seeufer und steilem Hang zusammen. Wer durch die Gassen geht, spürt schnell den Doppelcharakter des Orts: italienische Sprache, italienische Küche und italienische Verwaltung, dazu aber Schweizer Postleitzahlen, Schweizer Autokennzeichen und lange Zeit den Schweizer Franken als Alltagswährung. Die Nummernschilder tragen das Tessiner Kürzel TI, telefoniert wird über das Schweizer Netz.
Der Name geht auf das römische Campilonum zurück, eine Siedlung am See. Im Jahr 777 vermachte der langobardische Herr Toto von Campione sein Gebiet dem Mailänder Ambrosius-Kloster, und aus dieser kirchlichen Zugehörigkeit erwuchs über die Jahrhunderte der italienische Sonderstatus, während das umliegende Tessin 1512 an die Eidgenossenschaft fiel. Den Zusatz d'Italia erhielt der Ort erst 1933 unter Mussolini, als nationale Symbolik gefragt war. So blieb ein italienischer Fleck inmitten der Schweiz bestehen, der bis heute alle Eigenheiten einer Grenzlage in sich vereint.
Das Casino im Botta-Bau
Das Casinò di Campione ist das bekannteste Wahrzeichen des Orts und eine der ältesten Spielbanken Italiens. Gegründet wurde es 1917 während des Ersten Weltkriegs, ursprünglich auch, um in einem neutralen Umfeld Informationen zu sammeln. Das heutige Gebäude stammt vom Tessiner Architekten Mario Botta und wurde 2007 eröffnet: ein wuchtiger Bau mit neun Etagen, der lange als größtes Spielcasino Europas galt. Der Betrieb war jahrzehntelang der wichtigste Arbeitgeber der Gemeinde und finanzierte über seine Abgaben einen erheblichen Teil des kommunalen Haushalts.
2018 ging das Casino nach hohen Verlusten in Konkurs und schloss seine Türen. Für den kleinen Ort war das ein schwerer Schlag, weil Hunderte Arbeitsplätze und ein Großteil der Einnahmen wegfielen. Nach dreieinhalb Jahren Stillstand nahm die Spielbank am 26. Januar 2022 mit deutlich verkleinerter Belegschaft den Betrieb wieder auf. Auch wer nicht spielt, kann den markanten Botta-Bau von außen betrachten; er prägt die Silhouette am Seeufer und ist von der gegenüberliegenden Uferseite gut zu erkennen.
Santa Maria dei Ghirli und die Maestri Campionesi
Direkt am Wasser steht die Wallfahrtskirche Santa Maria dei Ghirli, das kunsthistorisch wertvollste Bauwerk des Orts. Ihr Inneres ist mit Fresken aus dem 14. bis 17. Jahrhundert ausgemalt, eine breite Schichtung gotischer und barocker Malerei auf engem Raum. Eine steile Freitreppe führt vom Seeufer zur Kirche hinauf, von oben öffnet sich der Blick über den See. Der Name Ghirli, mundartlich für Schwalben, spielt auf die Zugvögel an und erinnert an die vielen Campionese Meister, die wie die Schwalben lange von zu Hause fort waren.
Campione hat eine eigene Bedeutung in der Kunstgeschichte: Zwischen dem 12. und 14. Jahrhundert stellte der Ort eine berühmte Gruppe von Steinmetzen, Bildhauern und Baumeistern, die Maestri Campionesi. Sie arbeiteten an Domen und Kirchen in ganz Norditalien, unter anderem in Mailand, Modena und Trient, und trugen den Namen ihres kleinen Heimatorts weit über die Region hinaus. Die ehemalige Kirche San Zenone im Ortskern, heute als Ausstellungsraum genutzt, erinnert an diese Blütezeit des lokalen Handwerks.
Leben in der Exklave: Zoll, Franken und Alltag
Kaum ein anderer Ort Italiens hat eine so ungewöhnliche Verwaltungslage. Über Jahrzehnte lebte Campione praktisch im Schweizer Wirtschaftsraum: Bezahlt wurde in Franken, eingekauft und gearbeitet oft jenseits der unsichtbaren Grenze, und beim Zoll galten Sonderregeln. Zum 1. Januar 2020 wurde die Exklave in das Zollgebiet der Europäischen Union einbezogen, wodurch sich viele steuerliche Fragen neu ordneten. Für Reisende ist das vor allem eine Kuriosität am Rande: Man bewegt sich formal in Italien, praktisch aber in einer Schweizer Umgebung.
Im Alltag heißt das, dass du beim Bummel durch den Ort ständig kleine Widersprüche entdeckst. Der Uferboulevard mit Cafés und der Blick auf den See sind ganz italienisch, die Ordnung und Infrastruktur dahinter eher schweizerisch. Wer hier übernachtet, sollte einplanen, dass Wege in die Umgebung fast immer über Schweizer Straßen und teils über den See führen. Ein Ausweis gehört ins Gepäck, auch wenn die Grenzen im Alltag offen sind.
Rund um den Luganer See
Der Luganer See ist das eigentliche Panorama vor der Haustür. Vom Ufer aus blickst du auf die Bergkulisse des Tessins, darunter den markanten Zuckerhut des Monte San Salvatore über der Stadt Lugano. Auf der italienischen Seite oberhalb von Campione liegt der Aussichtsbalkon der Sighignola, von dem sich bei klarer Sicht ein weiter Blick über See und Alpen öffnet. Der See selbst lädt zu Schiffsrundfahrten ein; die Kursschiffe der Seenavigation verbinden Campione mit Lugano, Melide und weiteren Anlegestellen entlang beider Ufer.
Lugano, das Schweizer Zentrum am Nordufer, ist der natürliche Bezugspunkt für einen Tagesausflug: Seepromenade, Altstadt und Parkanlagen liegen nur eine kurze Schiffsfahrt entfernt. Für einen Kontrast bietet sich das nahe Melide mit dem Miniaturenpark Swissminiatur an. So lässt sich Campione gut mit dem Schweizer Umland zu einem abwechslungsreichen Seetag verbinden.
Ausflüge in die Umgebung
Auf der italienischen Seite lohnt vor allem der nahe Comer See, der über die Bergstraßen des Intelvi-Tals oder über die Autobahn erreichbar ist. In Como erwarten dich der gotische Dom und die elegante Seepromenade, weiter nördlich reihen sich Orte wie Menaggio, Tremezzo mit der Villa Carlotta und das gegenüberliegende Bellagio, das als Aussichtspunkt zwischen den beiden Seearmen bekannt ist. Auch Varenna am Ostufer ist gut per Fähre eingebunden.
Wer weiter ausgreifen möchte, erreicht Mailand in gut einer Stunde und damit eine der großen Metropolen Italiens mit Dom, Mode und Kunst. In die andere Richtung führen kurze Wege in die Tessiner Bergtäler und zu den Aussichtsbergen über Lugano. Campione eignet sich damit gut als ruhiger Standort, von dem aus sich sowohl die italienischen Seen als auch das Schweizer Umland erkunden lassen.
Anreise und beste Reisezeit
Die Anreise führt fast immer über die Schweiz. Aus Richtung Norden nimmst du die Autobahn A2 über den Gotthard bis in den Raum Lugano und dann die Uferstraße über Bissone nach Campione. Der nächste Bahnhof ist Lugano, von dort verkehren Busse der Linie 439 ab Piazza Manzoni sowie in der Saison die Kursschiffe über den See, die in rund einer Viertelstunde am Ortssteg anlegen. Ein größerer internationaler Flughafen ist Mailand-Malpensa, von dem es rund siebzig Kilometer sind; auch Bergamo und Milano Linate kommen infrage. Innerhalb des Orts gilt zu beachten, dass Parkraum knapp ist und viele Straßen eng sind, weshalb sich für Tagesgäste die Anfahrt bis Lugano und der Umstieg aufs Schiff anbietet.
Aus Österreich fährst du von Wien über die Tauern und den San-Bernardino- oder Gotthardweg in Richtung Tessin, eine lange, aber landschaftlich reizvolle Strecke von rund acht bis neun Stunden mit dem Auto; schneller geht es per Bahn über Zürich und weiter nach Lugano. Aus der Schweiz ist Campione ausgesprochen bequem zu erreichen: Von Zürich sind es über die A2 durch den Gotthard nur etwa zwei Stunden bis Lugano, von dort noch eine kurze Fahrt oder Überfahrt an den Ort.
Die angenehmste Reisezeit sind das späte Frühjahr und der Frühherbst, wenn die Temperaturen mild sind, die Gärten am See blühen und die Schiffe im vollen Takt verkehren. Der Hochsommer bringt warmes, teils schwüles Wetter und die meisten Gäste an den Seen. Der Winter ist ruhig und kühl; das Casino und die Uferpromenade haben dann ihren eigenen, stillen Reiz, viele Ausflugsschiffe fahren jedoch nur eingeschränkt.



























