Colico liegt am Nordende des Comer Sees, dort wo das breite Becken des Sees in die Ebene ausläuft und die Täler Valtellina und Val Chiavenna zusammentreffen. Der Ort gehört zur Provinz Lecco in der Lombardei und liegt am nordöstlichen Ende des Sees. Nach Westen und Süden öffnet sich der Blick über das Wasser, im Rücken steigt der Monte Legnone auf 2.609 Meter an, den höchsten Gipfel der Umgebung.
Colico ist kein Postkartenort wie Bellagio oder Varenna, und genau das macht seinen Charakter aus. Statt Villengärten und Uferpromenaden prägen hier flache Kiesstrände, ein weiter Wasserspiegel und ein fast konstanter Wind das Bild. Der Ort ist über Jahrzehnte zum wichtigsten Wassersportzentrum des Comer Sees geworden, und wer nach Colico kommt, kommt meist mit Board, Wanderschuhen oder Fahrrad im Gepäck.
Dazu kommt eine dichte Lage an Geschichte. In einem Umkreis von wenigen Kilometern stehen zwei Festungen aus ganz unterschiedlichen Epochen, ein romanisches Zisterzienserkloster und eines der bedeutendsten Feuchtgebiete Norditaliens. Colico eignet sich damit gut als ruhige Basis, von der aus du den nördlichen See, die Berge und das Valtellina erkunden kannst, ohne im Sommertrubel der Südufer zu stecken.
Kitesurfen und Wassersport am Nordarm
Colico gilt als der zuverlässigste Wind-Spot am Comer See. Verantwortlich ist ein thermischer Wind, den man hier Breva nennt: An den meisten Sommertagen setzt er gegen Mittag ein und weht aus dem Süden den See herauf, oft bis in die frühen Abendstunden. Diese Regelmäßigkeit hat den Ort international bekannt gemacht. 2006 und 2008 war Colico Austragungsort des italienischen Laufs der Kitesurf-Weltmeisterschaft.
Das Zentrum des Betriebs liegt an den Stränden zwischen dem Ortskern und der Bucht von Piona. Hier reihen sich mehrere Kite- und Surfschulen aneinander, die Anfängerkurse, Materialverleih und geführte Sessions anbieten. Weil der Wind vormittags oft noch schwach ist, hat sich ein entspannter Tagesrhythmus eingespielt: Morgens Frühstück und Wanderung, ab Mittag aufs Wasser. Auch zum Schwimmen, Stand-up-Paddeln und für ruhige Badetage sind die Kiesstrände geeignet, an windstillen Vormittagen liegt der See oft spiegelglatt.
Forte Montecchio Nord
Auf einem Hügel über dem Ort steht das Forte Montecchio Nord, die am besten erhaltene Festung des Ersten Weltkriegs in Europa. Errichtet wurde sie zwischen 1911 und 1914 vom Königreich Italien, um die nördliche Grenze gegen einen möglichen Vorstoß über die Schweiz zu sichern. Vier Schneider-Kanonen mit 149 Millimeter Kaliber stehen bis heute in ihren drehbaren Panzertürmen, dazu Munitionslager, Mannschaftsräume und die originale Technik.
Das Besondere: Die Anlage wurde in keinem der beiden Weltkriege im Kampf eingesetzt und blieb deshalb vollständig erhalten. Die einzigen Schüsse ihrer Geschichte fielen am 27. April 1945, als von hier aus auf eine deutsch-italienische Kolonne gefeuert wurde, die am gegenüberliegenden Ufer Richtung Schweiz zog. Am selben Tag wurde Mussolini bei Dongo gefasst. Das Fort kann nur im Rahmen einer Führung besichtigt werden, im Hochsommer täglich etwa von 10 bis 17 Uhr, Führungen gibt es auch auf Deutsch. Vom Vorplatz hast du einen weiten Blick über den See und die umliegenden Berge.
Abtei Piona und die Halbinsel Olgiasca
Auf der kleinen Halbinsel Olgiasca östlich des Ortes liegt die Abtei Piona, ein Priorat der Zisterzienser. Die Kirche wurde 1138 geweiht und gilt als seltenes Beispiel lombardischer Romanik. Herzstück ist der Kreuzgang aus dem 13. Jahrhundert, dessen Doppelsäulen mit Menschen-, Tier- und Pflanzenmotiven verziert sind. Die Mönche leben und arbeiten weiterhin auf dem Gelände und verkaufen im Klosterladen selbst hergestellte Kräuterliköre, Honig und Kräuterprodukte.
Die Halbinsel selbst ist ein lohnendes Ziel für einen halben Tag. Ein schmaler Landstreifen trennt den Laghetto di Piona, eine ruhige Bucht, vom offenen See. Rundherum führen einfache Wege durch Olivenhaine und Wald, und in der Saison legen Ausflugsboote direkt an der Abtei an. Wer mit dem Auto kommt, parkt oberhalb und geht die letzten Meter zu Fuß.
Pian di Spagna und Forte Fuentes
Nördlich von Colico, zwischen dem Comer See und dem kleineren Lago di Mezzola, liegt das Naturreservat Pian di Spagna. Das Feuchtgebiet an der Mündung des Flusses Adda ist von europäischem Interesse und einer der wichtigsten Rastplätze für Zugvögel in Norditalien. Beobachtungsstände, flache Rad- und Wanderwege sowie eine artenreiche Flora machen es zu einem ruhigen Ziel für Familien und Vogelfreunde.
Am Rand der Ebene erhebt sich auf einem Felsrücken die Ruine des Forte di Fuentes. Die Festung wurde im 17. Jahrhundert vom spanischen Gouverneur, dem Grafen von Fuentes, angelegt, um die Straßen zwischen dem Mailänder Herrschaftsgebiet und den Alpenpässen zu kontrollieren. Alessandro Manzoni erwähnt sie in seinem Roman Die Verlobten. Napoleon ließ die Anlage später schleifen, die Mauerreste kannst du heute frei besuchen und hast von oben einen Rundblick über das gesamte Nordbecken.
Ausflüge in die Umgebung
Colico ist ein guter Ausgangspunkt für den nördlichen Comer See und die angrenzenden Alpentäler. Auf der Westseite erreichst du mit der Fähre oder dem Auto Bellagio, das an der Spitze der Landzunge zwischen den beiden Südarmen des Sees liegt. Weiter südlich am Ostufer folgen die Provinzhauptstadt Lecco und, am anderen Ende, die Stadt Como.
Nach Norden führt das Tal in gut einer halben Stunde nach Chiavenna, bekannt für seine Crotti, natürliche Felsenkeller, in denen regionale Spezialitäten reifen. Nach Osten öffnet sich das Valtellina mit der Hauptstadt Sondrio, dem Zentrum eines der bekanntesten Weinbaugebiete der Alpen. Für Bergwanderer ist der Monte Legnone das große Ziel der Region, sein Gipfel lässt sich in einer anspruchsvollen Tagestour oder mit einer Übernachtung in einer Berghütte erreichen.
Anreise und beste Reisezeit
Der nächstgelegene Flughafen ist Bergamo Orio al Serio, rund 85 Kilometer entfernt, gefolgt von Mailand-Malpensa mit etwa 125 Kilometern. Von beiden erreichst du Colico am einfachsten mit Mietwagen oder über Mailand per Bahn. Colico ist ein Eisenbahnknoten: Hier treffen die Linie von Mailand über Lecco nach Tirano im Valtellina und die Strecke nach Chiavenna zusammen, was die Anreise ohne Auto unkompliziert macht. Mit dem Auto führt die SS36 vom Raum Mailand direkt bis an den Ort, im Zentrum und an den Stränden gibt es ausgewiesene Parkplätze, in der Hochsaison sind sie am frühen Nachmittag aber schnell belegt.
Aus Österreich fährst du von Wien über die A1 und den Brenner Richtung Mailand und weiter nach Lecco, gut acht bis neun Autostunden. Aus der Schweiz ist Colico besonders nah: Von Zürich über den San-Bernardino- oder Splügenpass nach Chiavenna sind es nur rund drei bis dreieinhalb Stunden, alternativ mit der Bahn über Chur und Chiavenna.
Die beste Reisezeit hängt davon ab, was du vorhast. Wassersportler kommen zwischen Mai und September, wenn der thermische Wind am verlässlichsten weht und das Wasser zum Baden warm genug ist. Für Wanderungen, den Besuch der Festungen und das Naturreservat sind Frühling und Frühherbst ideal, dann ist es angenehm mild und deutlich ruhiger. Der Hochsommer bringt die meisten Gäste und die stabilsten Windverhältnisse zugleich. Im Winter liegt Colico still da, viele Betriebe schließen, dafür zeigen sich die verschneiten Gipfel über dem See von ihrer klarsten Seite.

























