Bastione
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Die Etsch, auf Italienisch Adige, ist der lange stille Faden, der Südtirol mit der Adria verbindet. Mit rund 415 Kilometern ist sie nach dem Po der zweitlängste Fluss Italiens, und kaum ein anderer Wasserlauf führt dich durch so viele verschiedene Landschaften: von den Apfelwiesen des Vinschgau über die Weinberge des Trentino bis in die weite Poebene. Wer ihr folgt, reist einmal quer durch den Norden Italiens, vom Hochgebirge bis ans Meer.
Über weite Strecken begleiten dich Uferpromenaden und Radwege, die zum Spazieren und Radeln einladen. Genau diese durchgehende Erreichbarkeit macht die Etsch für einen Aktivurlaub so reizvoll: Du kannst an der Quelle im Gebirge starten und tagelang bergab rollen, immer am Wasser entlang. Auf dieser Seite folgen wir dem Fluss von seinem Ursprung am Reschenpass bis zu seiner Mündung in die Adria, mit allen Orten und Landschaften, die er unterwegs berührt.
Die Etsch entspringt auf rund 1.550 Metern Höhe nahe dem Reschenpass an der Grenze zu Österreich und der Schweiz. Schon nach wenigen Kilometern erreicht sie den Reschensee, einen Stausee, der 1950 durch Aufstauung entstand. Für den See wurde damals das alte Dorf Graun geflutet. Geblieben ist ein einziges Bauwerk: der romanische Kirchturm von Alt-Graun, der bis heute aus dem Wasser ragt. Die Gemeinde heißt heute Graun im Vinschgau, auf Italienisch Curon Venosta, und ihr Kirchturm ist eines der bekanntesten Fotomotive Südtirols, im Winter, wenn der See zufriert, sogar zu Fuß erreichbar.
Rund um den Reschensee lässt sich der junge Fluss gut erleben. Ein flacher Rundweg führt am Ufer entlang, im Sommer sind Surfer und Kiter auf dem Wasser unterwegs, und der Etschtal-Radweg beginnt hier oben mit einer langen, bequemen Abfahrt Richtung Süden. Von der Passhöhe geht es durch das obere Vinschgau hinab in die ersten Talweitungen, wo die Etsch allmählich an Kraft gewinnt.
Unterhalb der Malser Heide tritt die Etsch in den Vinschgau ein, eines der trockensten und sonnenreichsten Täler der Alpen. Hier prägt der Apfelanbau die Landschaft: Kilometerweit reihen sich Obstwiesen, dazwischen ziehen die berühmten Waalwege entlang, jene alten Bewässerungskanäle, die heute zu den schönsten Spazierwegen der Region gehören. Über allem thront das Ortlergebiet mit dem höchsten Berg Südtirols.
Die Etsch fließt durch den Talboden an lebendigen Marktorten vorbei. Schlanders ist der Hauptort des Vinschgau und ein guter Ausgangspunkt für Touren, das nahe Latsch lockt mit Weinbergen und dem Sonnenberg. Beide Orte liegen im mittleren und oberen Vinschgau, unterhalb des Ortlermassivs, nicht in den nördlicher gelegenen Bergketten. Der Radweg bleibt hier fast immer nah am Wasser und ist wegen des sanften Gefälles auch für Familien gut zu fahren.
Auch für Naturfreunde ist dieser Abschnitt reizvoll. Am Sonnenberg gedeihen Steppenpflanzen und Feigenkakteen, während am kühleren Nörderberg dichte Wälder wachsen, ein Gegensatz auf engstem Raum. In den Auen entlang des Flusses brüten Wasservögel, und mit etwas Glück siehst du am frühen Morgen Reiher am Ufer stehen. Immer wieder öffnet sich der Blick auf die vergletscherten Gipfel des Ortlergebiets, die den Talschluss im Westen begrenzen.
Nach der Talenge von Töll erreicht die Etsch das Becken von Meran. In der alten Kurstadt nimmt sie die Passer auf, die aus dem Passeiertal von Norden herabkommt. Meran zeigt sich mediterran und elegant zugleich: Palmen an der Promenade, Jugendstilbauten, die Gärten von Schloss Trauttmansdorff. Entlang beider Flüsse führen gepflegte Uferwege mitten durch die Stadt, ideal für einen Bummel zwischen Laubengassen und Kurhaus.
Weiter südlich erreicht der Fluss Bozen, die Landeshauptstadt Südtirols. Am Stadtrand mündet der Eisack, italienisch Isarco, in die Etsch, der vom Brennerpass her das große Nachbartal entwässert. Ab hier galt die Etsch früher als schiffbar. Bozen liegt am Schnittpunkt dreier Täler und verbindet deutschen und italienischen Charakter, mit Obstmarkt, Lauben und den Weinbergen von St. Magdalena und Gries direkt vor den Toren. Südlich der Stadt weitet sich das Tal, die Etsch fließt nun träge und breit durch eine Ebene voller Reben und Apfelplantagen.
An der Salurner Klause, einer markanten Talenge, verlässt die Etsch Südtirol und tritt ins Trentino ein. Hier wechselt auch die Sprache: Aus dem zweisprachigen Südtirol wird das italienischsprachige Trentino. Der Fluss zieht durch ein weites Weinland, in dem vor allem Rebsorten wie Teroldego und Trentodoc gedeihen, vorbei an Burgen, die auf den Talflanken wachen.
Bald erreichst du Trient, die Hauptstadt des Trentino. Die Stadt am Fluss war einst Schauplatz des berühmten Konzils und trägt bis heute ein feines Renaissancegesicht. Sehenswert sind das Castello del Buonconsiglio aus dem 13. Jahrhundert und die Cattedrale di San Vigilio am zentralen Domplatz. Rund um Trient rücken die Berge wieder näher, und die Etsch bahnt sich ihren Weg durch das enge Tal Richtung Süden, hin zur Grenze nach Venetien.
In Venetien erreicht die Etsch mit Verona ihre wohl schönste Station. In weiten Schleifen umfließt sie die Altstadt, die als UNESCO-Welterbe geschützt ist. Von den Ufern hast du den besten Blick auf die alten Brücken, allen voran die Ponte Pietra aus römischer Zeit, deren Bögen sich im Wasser spiegeln. Nur wenige Schritte entfernt liegt die Arena von Verona, das antike Amphitheater, in dem heute große Opernabende stattfinden.
Hinter Verona verlässt die Etsch das Bergland endgültig und tritt in die weite Poebene ein. Ab hier ist ihr Lauf über Jahrhunderte durch Deiche und Regulierungen gezähmt worden, denn immer wieder hatte der Fluss die flache Ebene überschwemmt. Historische Hochwasser wie jenes von 1882 veränderten den Verlauf und führten zu großen Schutzbauten. Heute fließt die Etsch ruhig durch das flache Land, begleitet von Dämmen und Feldern, bis sie südlich von Chioggia in die Adria mündet, ganz in der Nähe des Podeltas.
Das Rückgrat für aktive Reisende ist der Etschtal-Radweg, der über weite Strecken der historischen Via Claudia Augusta folgt, einer Römerstraße, die einst die Alpen mit der Adria verband. Vom Reschenpass bis Verona sind es rund 280 Kilometer, fast durchgehend auf eigenen Wegen und mit stetigem Gefälle. Wer bergab fährt, legt die Strecke ohne große Anstrengung in etwa fünf bis sieben Tagesetappen zurück. Beliebte Startpunkte sind der Reschensee, Meran oder Bozen, und dank der Vinschger Bahn und guter Zugverbindungen kannst du Etappen bequem verkürzen oder die Rückreise mit der Bahn planen.
Auch abseits des Sattels lohnt sich die Etsch. Im Vinschgau verbinden sich Radweg und Waalwege zu genussvollen Wandertagen, in Meran und Bozen laden die Uferpromenaden zum Flanieren ein, und rund um Trient und Verona ergänzen Weinorte und Kulturstädte das Programm. Die beste Reisezeit liegt zwischen Mai und Oktober, wobei der frühe Herbst mit milder Luft und der Apfelernte im Vinschgau besonders schön ist. Feste Radschuhe, eine Windjacke für die Höhenlagen und genug Zeit für Pausen an den Ufern gehören ins Gepäck, dann wird die Reise entlang der Etsch zu einer der schönsten Verbindungen von den Alpen ans Meer.
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