Matera liegt im Osten der Basilikata, kurz vor der Grenze zu Apulien, und gehört zu den ältesten durchgehend bewohnten Siedlungen Europas. Berühmt ist die Stadt für die Sassi, zwei Altstadtviertel aus Höhlenwohnungen, die über Jahrhunderte in den weichen Tuffstein über der Schlucht Gravina di Matera geschlagen wurden. Seit 1993 stehen die Sassi und die Felsenkirchen auf der Liste des UNESCO-Welterbes, 2019 war Matera gemeinsam mit dem bulgarischen Plowdiw Kulturhauptstadt Europas.
Der Reiz der Stadt liegt darin, dass hier nicht einzelne Bauwerke beeindrucken, sondern das Gesamtbild: ein Gewirr aus Dächern, Treppen, Höhlenöffnungen und Kirchtürmen, das sich am Hang staffelt. Was von oben wie eine Fassade wirkt, ist meist nur der vorgemauerte Teil einer Wohnung, die sich in den Fels hinein fortsetzt. Wer in Matera unterwegs ist, geht ständig über die Dächer anderer Häuser.
Matera ist keine Stadt für einen kurzen Fotostopp. Die Wege sind steil und uneben, und die Geschichte der Sassi ist sperriger, als es die restaurierten Gassen vermuten lassen. Zwei Nächte sind eine sinnvolle Untergrenze, damit du neben den Sassi auch die Felsenkirchen und den Naturpark auf der anderen Schluchtseite schaffst.
Die Sassi: Sasso Caveoso und Sasso Barisano
Die Höhlenstadt besteht aus zwei Vierteln, die durch den Felssporn der Civita mit der Kathedrale voneinander getrennt sind. Der Sasso Caveoso im Süden ist der ursprünglichere Teil: Hier sind viele Höhlen unverputzt geblieben, die Struktur der alten Wohnhöhlen ist gut erkennbar, und der Blick fällt direkt auf die Schlucht. Der Sasso Barisano im Norden, benannt nach der Richtung Bari, wurde stärker überbaut und restauriert. Dort liegen die meisten Hotels, Restaurants und Werkstätten.
Ein Rundgang lässt sich gut selbst organisieren. Nützlich ist der Weg von der Piazza Vittorio Veneto hinunter in den Barisano, weiter über die Civita zur Kathedrale und dann in den Caveoso, wo die Kirchen Santa Maria de Idris und Santa Lucia alle Malve im Fels stecken. Wer verstehen will, wie in den Höhlen tatsächlich gelebt wurde, besucht eine Casa Grotta, eine als Museum eingerichtete Wohnhöhle. Die bekannteste liegt am Vico Solitario im Sasso Caveoso: ein Raum für die Familie, eine Nische für das Maultier, eine Zisterne im Boden. Feste Schuhe sind sinnvoll, das Pflaster ist glatt und die Treppen sind unregelmäßig.
Vom Schandfleck zur Welterbestätte
Die Geschichte der Sassi ist bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem eine Geschichte der Armut. Carlo Levi beschrieb die Zustände 1945 in seinem Buch „Christus kam nur bis Eboli", und 1948 nannte der Politiker Palmiro Togliatti die Viertel bei einem Besuch die Schande der Nation. Familien lebten mit ihren Tieren auf engstem Raum, ohne Kanalisation und mit Wasser aus Zisternen. Malaria und Trachom waren verbreitet, die Kindersterblichkeit war extrem hoch.
1952 beschloss der italienische Staat ein eigenes Gesetz zur Sanierung der Sassi. Rund 15.000 Menschen mussten ihre Höhlenwohnungen verlassen und in neu gebaute Viertel am Stadtrand ziehen. Die Umsiedlung war kein Angebot, sondern Pflicht, und sie hat viele Nachbarschaften auseinandergerissen. Die Sassi standen danach jahrzehntelang leer und verfielen. Erst in den 1980er Jahren setzte ein Umdenken ein, der Staat förderte die Wiederherstellung, und Bewohner und Betriebe kehrten zurück. Die Aufnahme ins UNESCO-Welterbe 1993 war der Wendepunkt. Wenn du heute in einem Höhlenhotel schläfst, übernachtest du in einem Raum, den eine Familie vor siebzig Jahren unfreiwillig räumen musste. Diese Doppelbödigkeit gehört zum Besuch dazu.
Felsenkirchen und der Parco della Murgia
Zum Welterbe gehören nicht nur die Wohnviertel, sondern auch die Chiese Rupestri, über hundert in den Fels geschlagene Kirchen und Kapellen. Viele stammen aus der Zeit byzantinischer Mönche, etliche tragen noch Fresken. In der Stadt sind der Komplex Madonna delle Virtù und San Nicola dei Greci zugänglich.
Auf der anderen Seite der Schlucht beginnt der Parco della Murgia Materana, eine karge Kalkhochebene mit Schluchten, Grotten und weiteren Felsenkirchen. Vom Belvedere gegenüber hast du den Blick auf die Sassi, den du von den meisten Fotos kennst. Erreichbar ist die Hochebene über eine Straße im Bogen oder zu Fuß über den Talgrund und die Hängebrücke, eine Wanderung, die Trittsicherheit und im Sommer viel Wasser verlangt. Schatten gibt es dort kaum.
Matera als Filmkulisse
Weil die Sassi ohne große Umbauten nach Antike oder Mittelalter aussehen, dreht die Filmbranche hier seit Jahrzehnten. Pier Paolo Pasolini nutzte Matera 1964 für „Das 1. Evangelium nach Matthäus", Mel Gibson drehte 2004 Teile der „Passion Christi" in und um die Stadt, 2016 wurde Matera für die Neuverfilmung von „Ben Hur" zu Jerusalem. Am bekanntesten ist die Eröffnungssequenz des James-Bond-Films „Keine Zeit zu sterben", die durch die Gassen und über die Dächer der Sassi führt. Wer auf Spurensuche geht, findet die Schauplätze rund um die Piazza San Pietro Caveoso.
Höhlenhotels und die Küche der Basilikata
Übernachten kannst du in Matera in ehemaligen Wohnhöhlen, die zu Hotels und Ferienwohnungen umgebaut wurden. Typisch sind nackte Tuffwände, gewölbte Decken und wenig Tageslicht. Die Räume bleiben auch im Hochsommer kühl, im Winter kann es dagegen klamm werden. Wer empfindlich auf fensterlose Zimmer reagiert, sollte vorher genau auf die Beschreibung achten.
Kulinarisch ist Matera bodenständig. Das Pane di Matera ist ein Brot aus Hartweizengrieß mit Sauerteig und geschützter geografischer Angabe, gebacken in hoher, gehörnter Form und mit kräftiger Kruste. Aus altbackenem Brot entsteht die Cialledda, ein einfacher Brotsalat mit Tomate, Zwiebel, Öl und Oregano. Unbedingt probieren solltest du Peperoni cruschi, luftgetrocknete Paprika aus der Region, die kurz in Öl frittiert werden und knusprig statt scharf sind. Dazu kommen Caciocavallo-Käse und die Wurst Lucanica.
Anreise und beste Reisezeit
Der wichtigste Punkt vorweg: Matera hat keinen Anschluss an das nationale Bahnnetz. Auf den Auskünften von Trenitalia oder Italo taucht die Stadt nicht auf, und deshalb gehen viele Reisende fälschlich davon aus, es gebe gar keine Bahnverbindung. Tatsächlich fährt die private Regionalbahn Ferrovie Appulo Lucane von Bari nach Matera Centrale. Sie startet an einem eigenen Bahnsteigbereich am Bahnhof Bari Centrale, hat einen eigenen Fahrplan und fährt an Sonn- und Feiertagen seltener oder gar nicht. Bei Bauarbeiten wird die Strecke abschnittsweise durch Busse ersetzt, prüfe den Fahrplan also vor der Abreise.
Die zweite Möglichkeit sind Busse. Vom Flughafen Bari Karol Wojtyła und vom Busbahnhof in Bari fahren mehrere Anbieter direkt nach Matera, die Fahrt dauert gut eine Stunde. Mit dem Auto sind es von Bari rund 65 Kilometer über die Schnellstraßen Richtung Altamura und Gravina. In den Sassi selbst gilt eine Verkehrsbeschränkung, Parkplätze liegen in der Neustadt am Rand der Altstadt. Gut kombinieren lässt sich Matera mit Zielen in Apulien wie Alberobello oder Ostuni, beide in etwa einer Stunde Fahrzeit erreichbar.
Aus Österreich ist der Flug nach Bari der kürzeste Weg, Wien und Bari sind saisonal direkt verbunden. Mit dem Auto liegen zwischen Wien und Matera rund 1.250 Kilometer, das ist eine Etappe mit mindestens einer Zwischenübernachtung. Aus der Schweiz gibt es von Zürich aus in der Sommersaison ebenfalls Direktflüge nach Bari, ganzjährig kommst du über Rom oder Mailand mit Umstieg hin. Die Autostrecke ab Zürich ist mit gut 1.400 Kilometern noch länger und lohnt sich nur, wenn du ohnehin eine längere Italienreise planst.
Die beste Reisezeit sind Frühjahr und Herbst. April, Mai, September und Oktober bringen mildes Wetter und Licht, das den Tuffstein gut zeigt. Der Sommer ist in Matera anstrengend: Die Stadt liegt im Landesinneren, die Hitze staut sich in den Gassen, der helle Fels reflektiert sie, und Schatten ist selten. Wenn du im Juli oder August kommst, plane die Rundgänge auf den frühen Morgen und den späten Nachmittag. Der Winter ist ruhig, kann aber kühl und regnerisch ausfallen, denn Matera liegt rund 400 Meter über dem Meer.


















