Nuoro liegt auf rund 550 Metern Höhe am Fuß des Monte Ortobene, mitten im Barbagia-Hochland von Sardinien. Die Stadt ist Hauptstadt der gleichnamigen Provinz und gilt als kulturelles Zentrum des sardischen Inneren. Wer von der Küste hierher fährt, merkt schnell den Unterschied: Statt Badeorten und Yachthäfen prägen Granitberge, Steineichenwälder und Dörfer mit langer Hirtentradition die Landschaft.
Anders als die touristischen Zentren an der Costa Smeralda lebt Nuoro von seiner Geschichte als Ort der Sprache, der Literatur und des Brauchtums. Die Schriftstellerin Grazia Deledda, die hier 1871 geboren wurde und 1926 den Nobelpreis für Literatur erhielt, nannte ihre Heimatstadt einmal das Athen Sardiniens. Diese Rolle als Bildungs- und Kulturstadt spürt man bis heute in den Museen, den Buchhandlungen und den Cafés entlang der Fußgängerzone.
Nuoro eignet sich weniger als reines Sightseeing-Ziel und mehr als Standquartier, um das echte, bergige Sardinien kennenzulernen. Die Altstadt lässt sich an einem halben Tag zu Fuß erkunden, und von hier aus erreichst du in kurzer Zeit einige der eigenwilligsten Dörfer und Landschaften der Insel.
Der Monte Ortobene und die Erlöserstatue
Der Monte Ortobene ist der Hausberg von Nuoro und mit dem Auto in etwa zwanzig Minuten über eine kurvige Straße erreichbar. Auf dem Gipfel steht die bronzene Statue des Redentore, des Erlösers, die mitsamt Sockel knapp sieben Meter erreicht. Sie wurde vom kalabrischen Bildhauer Vincenzo Jerace geschaffen und 1901 zum Heiligen Jahr 1900 aufgestellt. Von der Aussichtsterrasse fällt der Blick über die Stadt, das Supramonte-Massiv und an klaren Tagen bis zum Meer.
Rund um die Statue liegt ein Wald aus Steineichen mit Picknickplätzen und leichten Wanderwegen. Jedes Jahr Ende August zieht die Festa del Redentore Tausende Menschen an. Am Kern des Festes steht eine große Prozession in sardischer Tracht, die über den Corso Garibaldi zur Piazza Vittorio Emanuele führt und Trachtengruppen aus der ganzen Insel zusammenbringt. Wer die Region in dieser Zeit besucht, sollte Unterkünfte früh buchen.
Grazia Deledda und das Trachtenmuseum
Das Geburtshaus von Grazia Deledda in der Altstadt ist heute das Museo Deleddiano, ein Haus-Museum, das ihr Leben und Werk zeigt. Die Räume sind mit Möbeln, persönlichen Gegenständen und Dokumenten eingerichtet und geben einen Eindruck vom bürgerlichen Nuoro des späten 19. Jahrhunderts. Deledda blieb bis heute die einzige Italienerin, die den Literaturnobelpreis erhielt, und viele ihrer Romane spielen genau in dieser Bergregion.
Das zweite große Haus ist das Museo del Costume, offiziell Museo della Vita e delle Tradizioni Popolari Sarde. Es ist seit 1976 geöffnet und gilt als das wichtigste ethnografische Museum Sardiniens. Zu sehen sind Trachten, Schmuck, Webarbeiten, Musikinstrumente und die berühmten Karnevalsmasken der Barbagia, etwa die dunklen Mamuthones aus dem nahen Mamoiada. Ergänzt wird das Angebot durch das MAN, das Museo d’Arte della Provincia di Nuoro, das moderne und zeitgenössische Kunst mit Schwerpunkt auf sardischen Künstlern zeigt.
Durch die Altstadt und den Corso Garibaldi
Das Herz von Nuoro ist der Corso Garibaldi, die zentrale Fußgängerstraße, an der sich Geschäfte, Bars und Eisdielen aneinanderreihen. Am oberen Ende liegt die Kathedrale Santa Maria della Neve aus dem 19. Jahrhundert, von deren Vorplatz sich ein weiter Blick über das Tal öffnet. Rund um den Corso erstreckt sich das alte Viertel San Pietro mit engen Gassen und niedrigen Granithäusern.
Nuoro ist kein Ort der großen Prunkbauten, sondern lebt von der Alltagsatmosphäre einer sardischen Provinzstadt. Am späten Nachmittag füllt sich der Corso, wenn die passeggiata beginnt. Gute Gelegenheit, um regionale Spezialitäten zu probieren: das dünne Fladenbrot Pane Carasau, Pecorino aus der Barbagia, Wildschwein und den kräftigen Rotwein Cannonau, der in den Hügeln rund um die Stadt wächst.
Ausflüge in die Umgebung
Nuoro ist ein idealer Ausgangspunkt für das Innere Sardiniens. Nur rund zwölf Kilometer östlich liegt Oliena am Fuß des Supramonte, bekannt für seinen Cannonau und die Karstquelle Su Gologone. Etwa zwanzig Kilometer südlich erreichst du Orgosolo, dessen Häuserwände über hundert politische und soziale Wandbilder, die berühmten Murales, tragen.
Weiter östlich führt die Straße nach Dorgali, einem Weinort mit archäologischem Museum, und von dort hinunter an die Küste nach Cala Gonone, das etwa vierzig Kilometer entfernt liegt. Von hier starten Boote zu den Buchten des Golfo di Orosei und zur Grotta del Bue Marino. Wanderer zieht es außerdem in die Schlucht Gola su Gorropu, eine der tiefsten Europas, die sich über Dorgali und Oliena erschließen lässt.
Anreise und beste Reisezeit
Der nächste Flughafen ist Olbia Costa Smeralda, gut 100 Kilometer nördlich, von wo du Nuoro über die Schnellstraße in etwa anderthalb Stunden erreichst. Alternativ bietet sich der Flughafen von Cagliari im Süden an, rund 180 Kilometer entfernt. Ein Mietwagen ist praktisch Pflicht, denn die Sehenswürdigkeiten der Barbagia liegen verstreut und der öffentliche Nahverkehr ist dünn. Nuoro selbst hat einen Bahnhof, der über die Linie nach Macomer an das sardische Netz angebunden ist; im Sommer verkehrt zudem der touristische Trenino Verde durch die Berge.
Aus Österreich und der Schweiz gibt es keine Direktflüge nach Nuoro. Ab Wien fliegst du saisonal nach Olbia oder Cagliari, sonst mit Umstieg über Rom oder Mailand; ab Zürich bestehen ebenfalls Saisonverbindungen nach Olbia und Cagliari. Eine Alternative ist die Fähre ab Genua oder Livorno nach Olbia mit eigenem Auto, was sich vor allem für längere Rundreisen lohnt. In der Stadt parkst du am besten außerhalb der engen Altstadtgassen, größere Parkplätze liegen am Rand des Zentrums.
Die beste Reisezeit für Nuoro sind Frühjahr und Herbst. Im Mai und Juni ist das Hochland grün und die Temperaturen sind angenehm zum Wandern, im September und Oktober bleibt es mild und die Weinlese ist im Gange. Der Hochsommer wird im Landesinneren deutlich heißer als an der Küste, dafür fällt Ende August mit der Festa del Redentore das wichtigste Fest der Stadt in diese Zeit. Der Winter ist ruhig und kühl, auf dem Monte Ortobene kann sogar Schnee liegen.

























