Volterra: die Hügelstadt der Etrusker und Alabaster-Meister
Volterra thront auf einem Hügel über den kahlen Kreidehügeln der südlichen Toskana, und kaum ein Ort erzählt seine 3.000 Jahre so unverstellt wie dieser. Die Stadt in der Provinz Pisa war schon bei den Etruskern eine Metropole, wuchs im Mittelalter hinter dicke Mauern und lebt bis heute vom Alabaster, den die Steinmetze hier seit der Antike aus dem Boden holen. Wer nach San Gimignano und Siena noch einen Ort ohne Souvenir-Rummel sucht, ist hier genau richtig: Volterra ist rau, ehrlich und voller Geschichte, die du an fast jeder Ecke anfassen kannst.
Der Kern lässt sich in einem Tag zu Fuß erschließen, aber gerade die Ruhe am Abend, wenn die Tagesbesucher weg sind, macht den Reiz aus. Die wichtigsten Ziele liegen dicht beieinander, vom etruskischen Stadttor bis zum römischen Theater sind es nur ein paar Minuten Fußweg.
Etruskisches Erbe: Museum Guarnacci, Porta all'Arco und die Nekropolen
Volterra hieß bei den Etruskern Velathri und gehörte zu den bedeutendsten Städten ihres Bundes. Das Museo Etrusco Guarnacci ist die Adresse, um das zu begreifen: Es zählt zu den ältesten öffentlichen Museen Europas und zeigt hunderte kunstvoll gemeißelte Aschenurnen aus Alabaster und Tuff. Der Star ist die "Ombra della Sera", der Schatten des Abends, eine ungewöhnlich langgezogene Bronzefigur aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, die zum Wahrzeichen der Stadt geworden ist.
Ein zweites etruskisches Erbe steht mitten in der Stadtmauer: die Porta all'Arco. Der massive Torbogen ist rund 2.400 Jahre alt, und in seinem äußeren Rund sitzen drei stark verwitterte Steinköpfe, deren Bedeutung bis heute niemand sicher deuten kann. Rund um Volterra findest du außerdem etruskische Nekropolen, die Gräberfelder, aus denen viele der Funde im Guarnacci-Museum stammen.
Mittelalterliche Altstadt: Piazza dei Priori, Dom und Medici-Festung
Das Herz der Altstadt ist die Piazza dei Priori, ein strenger, fast schmuckloser Platz, den viele für den schönsten mittelalterlichen Platz der Toskana halten. Er wird vom Palazzo dei Priori beherrscht, dem ältesten erhaltenen Kommunalpalast der Toskana. Sein Bau begann 1208, und seine Fassade mit den Wappen aus glasierter Terrakotta stand Pate für viele spätere Rathäuser der Region, auch für den Palazzo Vecchio in Florenz.
Nur wenige Schritte weiter öffnet sich die Piazza San Giovanni mit dem Dom Santa Maria Assunta, der im 12. Jahrhundert begonnen wurde, und dem achteckigen Baptisterium gegenüber. Im Inneren lohnt der Blick auf die hölzerne Kreuzabnahme aus dem 13. Jahrhundert und die Kassettendecke. Am höchsten Punkt der Stadt steht die Fortezza Medicea, die Lorenzo il Magnifico ab 1474 ausbauen ließ. Die Festung ist heute ein Gefängnis und von innen nicht zugänglich, prägt aber die Silhouette und den angrenzenden Park.
Alabaster-Handwerk: Werkstätten und eine uralte Tradition
Kein anderes Handwerk ist so mit Volterra verwachsen wie die Alabaster-Verarbeitung. Schon die Etrusker schnitten aus dem weichen, milchig schimmernden Stein ihre Urnen, und die Tradition riss nie ganz ab. Alabaster ist deutlich weicher als Marmor und lässt sich fast wie Holz drehen und schnitzen, weshalb die Handwerker hauchdünne, lichtdurchlässige Objekte formen können.
In den Werkstätten der Altstadt kannst du den Meistern über die Schulter schauen, wie sie Schalen, Lampen und Figuren aus dem Rohstein arbeiten. Wer tiefer einsteigen will, findet im Ökomuseum des Alabasters die ganze Geschichte vom Abbau bis zur Kunst. Achte beim Kauf auf echte lokale Handarbeit, denn günstige Massenware wird oft nur importiert.
Römisches Theater und die Umgebung
Am nördlichen Rand der Altstadt liegt das Teatro Romano im Areal Vallebuona, eines der besterhaltenen Römertheater der Toskana. Es entstand unter Kaiser Augustus im 1. Jahrhundert vor Christus und bot einst rund 3.500 Zuschauern Platz. Von der Stadtmauer aus hast du einen kostenlosen Panoramablick auf die Ränge und die wiederaufgerichteten Säulen der Bühnenwand. Übrigens dient Volterra in Stephenie Meyers "Twilight"-Romanen als Sitz des Vampirclans der Volturi, auch wenn die Filmszenen tatsächlich im nahen Montepulciano gedreht wurden. Wer die Natur sucht, wandert zu den Balze, den bizarren Erosionsabbrüchen westlich der Stadt, an denen die Kreidehügel Stück für Stück abrutschen.
Anreise und beste Reisezeit
Volterra liegt etwas abseits der großen Achsen, was den Ort so ursprünglich hält. Mit dem Auto bist du am flexibelsten: Von San Gimignano sind es rund 30 Kilometer, nach Siena etwa 50 und nach Pisa rund 65 Kilometer. Öffentlich kommst du per Bus über die Bahnstation Pontedera oder Saline di Volterra, planst dafür aber etwas mehr Zeit ein. Parkplätze liegen rund um die autofreie Altstadt.
Die schönste Reisezeit sind das späte Frühjahr von Mai bis Juni und der frühe Herbst im September und Oktober, wenn das Licht weich ist und die Hitze erträglich bleibt. Im Hochsommer wird es auf dem ungeschützten Hügel heiß, dafür ist im August das historische Fest der Fahnenschwinger ein Höhepunkt. Wer mag, verbindet Volterra zu einer Rundreise durch die Toskana und hängt San Gimignano am selben Tag an.













































