Pantelleria ist Italiens vielleicht eigenwilligste Insel. Sie liegt nicht in Sichtweite der italienischen Küste, sondern mitten im Kanal von Sizilien, näher an Tunesien als an Sizilien selbst. Rund 70 Kilometer trennen sie von der afrikanischen Küste, gut 100 Kilometer von der sizilianischen Hafenstadt Trapani, zu deren Provinz sie verwaltungstechnisch gehört. Wer hierher kommt, sucht keinen Sandstrand und keine Strandpromenade, sondern eine schroffe Vulkanlandschaft, warmes Thermalwasser, Steinhäuser mit Kuppeldach und einen der bekanntesten Süßweine Italiens.
Ihren Namen verdankt die Insel den Arabern, die sie über Jahrhunderte prägten. Bint al-Riyah, die Tochter des Windes, nannten sie das gut 80 Quadratkilometer große Eiland. Die Bezeichnung passt bis heute, denn Mistral und Scirocco fegen abwechselnd über Pantelleria hinweg. Der Wind hat die Landschaft geformt, die niedrige Bauweise der Häuser erzwungen und den Weinbau in eine Form gebracht, die es so kein zweites Mal gibt.
Wer seinen Urlaub auf Pantelleria verbringt, erlebt eine Insel, die von ihrer Geologie lebt. Heiße Quellen, Dampfaustritte, ein Kratersee mit lauwarmem Wasser und dunkles Lavagestein bestimmen das Bild. Seit 2016 steht der Großteil des Eilands als Nationalpark unter Schutz. Die folgenden Abschnitte fassen zusammen, was die Insel ausmacht, was sich lohnt und wie man hinkommt.
Eine Vulkaninsel im Kanal von Sizilien
Pantelleria ist vulkanischen Ursprungs und stieg vor langer Zeit aus dem Meer empor. Sie liegt in einem geologisch unruhigen Randbereich zwischen der afrikanischen und der europäischen Kontinentalplatte, in dem auch submarine Vulkane unter der Meeresoberfläche bis in jüngere Zeit aktiv waren. An Land zeugen heiße Quellen und Dampfaustrittsstellen, die sogenannten Fumarolen, bis heute vom vulkanischen Charakter der Insel.
Die höchste Erhebung ist die Montagna Grande mit 836 Metern. Anders als der Name vermuten lässt, handelt es sich nicht um einen klassischen Vulkankegel, sondern um eine Struktur, die entstand, als sich der Untergrund nach dem Kollaps einer Magmakammer wieder anhob. Rund um den Berg zieht sich ein Netz von Wanderwegen, und von den höheren Lagen reicht der Blick bei klarer Sicht bis zur afrikanischen Küste. Wer die Insel jenseits der Badebuchten kennenlernen will, findet hier die eindrücklichsten Wege.
Das Klima ist mild und subtropisch geprägt. In den höheren Lagen wachsen Steineichen und Heidekraut, weiter unten dominieren Pinien, Ginster, Macchie und die typischen Kräuter des Mittelmeers. Die fruchtbaren vulkanischen Böden sind die Grundlage der Landwirtschaft, die neben dem Tourismus bis heute das wirtschaftliche Rückgrat der Insel bildet.
Der Spiegel der Venus und die heißen Quellen
Das bekannteste Naturschauspiel Pantellerias ist der Specchio di Venere, der Spiegel der Venus. Der Kratersee im Norden der Insel liegt in einer alten Caldera, sein Wasser schimmert je nach Lichteinfall türkis bis smaragdgrün. Gespeist wird er von Regen und von warmen Quellen, sodass das Wasser stellenweise deutlich wärmer ist als das Meer. Am Ufer lagert schwefelhaltiger Thermalschlamm, der traditionell auf die Haut aufgetragen und in der Sonne getrocknet wird, bevor man ihn im See wieder abspült.
Zu den vulkanischen Besonderheiten gehört auch die Grotta di Benikulà am Hang der Montagna Grande, im Gebiet von Sibà. Die Höhle wirkt wie eine natürliche Sauna. Aus dem Fels tritt Wasserdampf mit einer Temperatur um 38 Grad, der sich in einer inneren Kammer staut, während ein vorgelagerter Raum mit Steinsitzen einen kühleren Vorbereich bildet und den Blick über die Ebene freigibt. Solche heißen Quellen, Dampfhöhlen und untermeerischen Austritte machen Pantelleria zu einem der aktivsten thermalen Gebiete des Mittelmeers.
Sandstrände sucht man auf Pantelleria vergeblich. Die Küste ist felsig, zerklüftet und fällt oft steil ins Wasser. Gebadet wird von Felsplateaus und in kleinen Buchten, das Wasser ist klar und tief. Genau diese Beschaffenheit macht die Insel zu einem gefragten Ziel für Taucher. Rund um die Küste liegen mehrere Tauchbasen, ein beliebtes Motiv ist der Arco dell'Elefante, ein Felsbogen, der wie der Kopf und Rüssel eines Elefanten ins Meer ragt.
Dammusi, Sesi und die Spuren der Geschichte
Das prägende Bauwerk der Insel ist der Dammuso. Diese kubischen Häuser werden aus dem dunklen Lavagestein der Insel errichtet und tragen ein charakteristisches gewölbtes Kuppeldach. Die Form ist kein bloßes Schmuckelement, sondern Antwort auf das Klima: Die dicken Mauern halten die Hitze draußen, und das Dach ist so gebaut, dass es Regenwasser sammelt und in Zisternen leitet. Viele Dammusi sind heute liebevoll restauriert und werden an Urlauber vermietet, was zum ruhigen, unaufgeregten Charakter der Insel passt.
Deutlich älter sind die Sesi, megalithische Grabbauten aus der Bronzezeit. Es handelt sich um kegelstumpfförmige Konstruktionen aus trocken geschichtetem Lavastein, in deren Inneren Grabkammern liegen. Sie gehören zu einer prähistorischen Siedlung bei Mursia an der Nordwestküste, die vor rund 3.500 Jahren bewohnt war. Der größte erhaltene Bau, der Sese Grande oder Sese del Re, zählt zu den bedeutendsten vorgeschichtlichen Denkmälern des zentralen Mittelmeers.
Die Lage zwischen zwei Kontinenten machte Pantelleria über Jahrtausende zum Spielball der Mächte. Phönizier, Römer und Vandalen unterhielten Stützpunkte, Araber, Normannen und Osmanen kamen als Eroberer. Aus punischer und römischer Zeit stammen Zisternen, Mosaike und die Reste einer Akropolis bei San Marco und Santa Teresa. Im Zweiten Weltkrieg war die Insel italienischer Militärstützpunkt und wurde 1943 schwer bombardiert. Der Hauptort Pantelleria, der die Insel mit dem Hafen und dem Verwaltungszentrum verbindet, wurde dabei weitgehend zerstört und danach nüchtern wieder aufgebaut.
Zibibbo, Passito und der Wein im Erdloch
Kaum ein anderes Erzeugnis ist so eng mit Pantelleria verbunden wie der Wein aus der Zibibbo-Traube, einer alten Muskatsorte, die auch als Muscat von Alexandria bekannt ist. Aus ihr entsteht der Passito di Pantelleria, ein bernsteinfarbener Süßwein aus getrockneten Trauben. Für ihn werden die reifen Beeren nach der Lese in der Sonne getrocknet, wodurch sich Zucker und Aromen konzentrieren. Das Ergebnis ist ein dichter Dessertwein mit Noten von Aprikose, Honig und Feige, der gut zu Käse und zu den Mandelgebäcken der Insel passt.
Das Besondere liegt jedoch nicht nur im Wein, sondern in der Art, wie die Reben wachsen. Die Winzer ziehen sie als niedrige Buschreben in flachen Mulden, damit sie vor dem ständigen Wind geschützt sind und Feuchtigkeit halten. Diese als vite ad alberello bezeichnete Anbauweise wurde 2014 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt. Es war die erste landwirtschaftliche Praxis überhaupt, die diese Auszeichnung erhielt. Die gesamte Arbeit erfolgt von Hand, was die Ernte auf Pantelleria zu einem mühsamen, oft als heroisch beschriebenen Kraftakt macht.
Wer sich für die Sorte genauer interessiert, findet weitere Hintergründe im Beitrag zur Zibibbo-Traube. Auch andernorts in Sizilien hat der Süßwein Tradition, etwa im Umfeld des berühmten Marsala, mit dem Pantelleria die Zugehörigkeit zur Provinz Trapani teilt.
Kapern, Küche und Produkte der Insel
Neben dem Wein ist Pantelleria vor allem für seine Kapern bekannt. Der Cappero di Pantelleria ist die einzige Kaper Italiens mit geschützter geografischer Angabe (IGP). Geerntet werden die geschlossenen Blütenknospen der Kaperpflanze, die anschließend in Meersalz eingelegt und gereift werden. Sie sind fest, aromatisch und würzig und gehören zu den gefragtesten Zutaten der sizilianischen Küche.
In der Inselküche tauchen die Kapern in fast jedem herzhaften Gericht auf. Ein Klassiker ist das Pesto pantesco, eine kalte Sauce aus Tomaten, Knoblauch, Basilikum, Kapern und Mandeln, die zu Pasta gereicht wird. Dazu kommen frischer Fisch, Auberginen und der Insalata pantesca, ein Salat aus gekochten Kartoffeln, Tomaten, Zwiebeln, Oliven und Kapern. Wer die Küche der Insel probieren möchte, sollte diese einfachen, aber intensiven Gerichte nicht auslassen.
Zum Passito und zu den Kapern gesellen sich Olivenöl von windgebeugten, oft am Boden gehaltenen Ölbäumen sowie Honig und Mandeln. Alle diese Produkte teilen dieselbe Grundlage: fruchtbare Vulkanerde, viel Sonne, wenig Wasser und den allgegenwärtigen Wind. Sie sind der Grund, warum Pantelleria trotz seiner Abgeschiedenheit einen festen Platz in der italienischen Feinschmeckerlandschaft hat.
Nationalpark, Wandern und die Felsküste
Seit 2016 ist der Großteil der Insel als Nationalpark Pantelleria geschützt. Das Schutzgebiet umfasst rund 66 Quadratkilometer und damit etwa vier Fünftel der Landfläche. Es sichert die vulkanische Landschaft, die alten Rebkulturen, die Trockenmauern und die naturnahe Küste. Für Besucher bedeutet das ein gut erschlossenes Netz an Wanderwegen und ausgewiesenen Naturzielen, ohne dass die Insel touristisch überformt wäre.
Die klassische Wanderung führt rund um die Montagna Grande, vorbei an den Buschreben, an der Grotta di Benikulà und durch lichte Wälder. Weitere lohnende Ziele sind der Kratersee im Norden, die Steilküste im Süden und die zahlreichen Badebuchten wie die Cala Levante nahe dem Elefantenbogen. Ein Mietwagen oder Roller ist praktisch, weil die Wege zwischen den Sehenswürdigkeiten teils weit und steil sind und der öffentliche Verkehr überschaubar bleibt.
Pantelleria eignet sich für Reisende, die Natur, Ruhe und gutes Essen suchen und auf Strandurlaub im klassischen Sinn verzichten können. Wer mehr von den sizilianischen Inseln sehen möchte, findet weiter nördlich mit den Ägadischen Inseln vor Trapani und den vulkanischen Liparischen Inseln ganz andere Inselwelten. Südlich liegt mit Lampedusa ein weiterer italienischer Vorposten vor der afrikanischen Küste. Auf dem sizilianischen Festland lassen sich Pantelleria und ein Besuch am Ätna gut zu einer Reise mit vulkanischem Schwerpunkt verbinden.
Anreise und beste Reisezeit
Pantelleria erreicht man per Flugzeug oder Fähre. Der Flughafen Pantelleria (Kürzel PNL) liegt wenige Kilometer vom Hauptort entfernt. Das ganze Jahr über bestehen kurze Verbindungen von Trapani und Palermo aus, der Flug dauert nur etwa 35 Minuten. In den Sommermonaten kommen saisonale Direktflüge von mehreren italienischen Festlandstädten wie Rom, Mailand, Venedig und Bologna hinzu.
Wer die Überfahrt bevorzugt, nimmt die Fähre ab Trapani. Die reguläre Autofähre benötigt für die Strecke rund sechs Stunden und verkehrt meist als Nachtverbindung, sodass sich ein Auto mitnehmen lässt. Schneller, aber wetterabhängiger und ohne Fahrzeug, ist im Sommer das Tragflügelboot, das die Strecke in gut zwei Stunden schafft. Da die Verbindungen bei starkem Wind ausfallen können, empfiehlt sich etwas Puffer in der Reiseplanung.
Die beste Reisezeit reicht von Mai bis Oktober. Im Hochsommer wird es heiß und trocken, dann sind auch die meisten Flug- und Fährverbindungen in Betrieb und das Meer am wärmsten. Für Wanderungen rund um die Montagna Grande und für die vulkanischen Ziele sind das späte Frühjahr und der frühe Herbst angenehmer, weil die Temperaturen milder und die Insel ruhiger sind. Im Winter ist Pantelleria am windigsten, viele Betriebe schließen, und das Angebot an Verbindungen wird deutlich dünner. Zum Vertiefen der Region bietet sich außerdem der Überblick zu Sizilien und, für Taucher, die Übersicht der Tauchschulen auf Sizilien an.












