Siena liegt auf drei Hügelrücken im Herzen der Toskana, rund 70 Kilometer südlich von Florenz. Kaum eine andere Stadt Italiens hat ihr mittelalterliches Gesicht so vollständig bewahrt: verwinkelte Gassen aus rotbraunem Backstein, gotische Paläste, und mittendrin die Piazza del Campo, einer der berühmtesten Plätze Europas. Die UNESCO nahm die Altstadt 1995 als Gesamtkunstwerk in die Welterbeliste auf, ausdrücklich als Beispiel einer gotischen Stadt, die über Jahrhunderte nach einem einheitlichen Plan gestaltet wurde.
Dass Siena so aussieht, wie es aussieht, hat einen historischen Grund. Im 13. und frühen 14. Jahrhundert war die Stadt eine Handels- und Bankenmacht und erbitterte Rivalin von Florenz. Unter der Herrschaft des Governo dei Nove, des Rats der Neun (1287 bis 1355), entstanden der Palazzo Pubblico, der Campo und große Teile des Doms. Die Pest von 1348 raffte einen Großteil der Bevölkerung dahin und beendete den Aufstieg abrupt. Siena wuchs danach kaum noch, wurde nie großflächig umgebaut und blieb dadurch als mittelalterliche Stadt erhalten. Eine Institution aus jener Epoche arbeitet bis heute: Die Banca Monte dei Paschi di Siena wurde 1472 als städtische Pfandleihanstalt gegründet und gilt als älteste noch tätige Bank der Welt. Ihr Sitz ist der Palazzo Salimbeni in der Altstadt.
Für Besucher ist Siena angenehm überschaubar. Die Altstadt ist weitgehend autofrei, alle Sehenswürdigkeiten liegen fußläufig beieinander, und wer eine Nacht bleibt, erlebt die Stadt am Abend, wenn die Tagesausflügler abgereist sind. Zweimal im Jahr allerdings gilt ein anderer Takt: Anfang Juli und Mitte August dreht sich alles um den Palio, das Pferderennen auf dem Campo.
Piazza del Campo: das muschelförmige Herz der Stadt
Die Piazza del Campo ist der natürliche Treffpunkt Sienas, seit im Mittelalter hier der Markt abgehalten wurde. Der Platz fällt wie eine Muschel zum Palazzo Pubblico hin ab und ist durch helle Steinstreifen in neun Segmente geteilt. Das war keine Spielerei, sondern politisches Programm: Die neun Felder stehen für den Governo dei Nove, der den Platz Ende des 13. Jahrhunderts anlegen ließ. Am oberen Rand sprudelt die Fonte Gaia, ein Rechteckbrunnen mit Marmorreliefs. Die heutigen Reliefs sind Kopien aus dem 19. Jahrhundert, die stark verwitterten Originale von Jacopo della Quercia aus dem frühen 15. Jahrhundert werden im Komplex Santa Maria della Scala aufbewahrt. Rund um den Campo reihen sich Cafés und Restaurants, deren Terrassen zwar deutlich teurer sind als die Bars in den Seitengassen, dafür sitzt man in der ersten Reihe auf einem der schönsten Plätze Italiens.
Der Palio: zwei Rennen, siebzehn Contraden
Der Palio di Siena ist kein Touristenspektakel, sondern der emotionale Kern der Stadt. Zweimal im Jahr wird der Campo zur Rennbahn: am 2. Juli beim Palio di Provenzano und am 16. August beim Palio dell'Assunta. Siena ist in siebzehn Contraden geteilt, historische Stadtviertel mit eigenen Wappen, Farben, Kirchen und Museen. Bei jedem Rennen treten zehn von ihnen an, sieben sind gesetzt, drei werden zugelost. Die Jockeys reiten ohne Sattel, das Rennen führt dreimal um den Platz und ist nach etwa 90 Sekunden entschieden. Was von außen wie ein kurzes Volksfest wirkt, beschäftigt die Stadt das ganze Jahr: Die Contraden sind soziale Gemeinschaften, in die man hineingeboren wird, mit Taufen, Festessen und gepflegten Rivalitäten. Wer den Palio erleben will, sollte wissen, dass der Innenraum des Campo kostenlos zugänglich ist, aber Stunden vor dem Rennen gefüllt und danach lange abgesperrt bleibt. Tribünenplätze und Fensterplätze werden früh und teuer vergeben. Auch an den Tagen um den Palio lohnt sich ein Besuch, dann finden Probeläufe und Umzüge in historischen Kostümen statt.
Palazzo Pubblico und Torre del Mangia
An der Tiefseite des Campo steht der Palazzo Pubblico, seit dem 14. Jahrhundert Sitz der Stadtregierung und bis heute Rathaus. Im Inneren zeigt das Museo Civico einige der wichtigsten Fresken des Mittelalters. Berühmt ist vor allem der Zyklus der Guten und der Schlechten Regierung von Ambrogio Lorenzetti aus den Jahren um 1338: eine gemalte Staatstheorie, die zeigt, wie kluge Politik Stadt und Land aufblühen lässt und wie Tyrannei beides zerstört. Im Saal nebenan hängen die Maestà von Simone Martini und das Reiterbild des Feldherrn Guidoriccio da Fogliano. Neben dem Palast ragt die Torre del Mangia auf, mit 87 Metern (102 Meter mit Blitzableiter) einer der höchsten mittelalterlichen Türme Italiens, errichtet zwischen 1338 und 1348. Rund 400 Stufen führen auf die Aussichtsplattform, der Aufstieg ist eng und nichts für Menschen mit Platzangst, dafür ist der Blick über die Dächer Sienas und die umliegenden Hügel der beste der Stadt. Die Besucherzahl ist begrenzt, in der Hochsaison empfiehlt sich ein Besuch früh am Tag.
Der Dom und sein Marmorfußboden
Der Dom Santa Maria Assunta gehört zu den bedeutendsten gotischen Kirchen Italiens. Der Bau aus schwarzem und weißem Marmor, den Farben des Stadtwappens, wurde im Wesentlichen im 13. Jahrhundert errichtet, die untere Fassade stammt von Giovanni Pisano. Im Inneren tragen gestreifte Säulen das Gewölbe, die Kanzel schuf Nicola Pisano, und in der Piccolomini-Bibliothek leuchten die Fresken des Pinturicchio aus dem frühen 16. Jahrhundert, die das Leben des Papstes Pius II. erzählen.
Das eigentliche Wunder des Doms liegt jedoch am Boden: ein Marmorfußboden aus 56 Bildfeldern, an dem Künstler vom 14. bis ins 16. Jahrhundert arbeiteten, darunter Domenico Beccafumi und Pinturicchio. Die Szenen aus Bibel und Antike wurden in Graffito- und Intarsientechnik in den Marmor gelegt. Zum Schutz ist der größte Teil des Bodens fast das ganze Jahr mit Platten und Teppichen abgedeckt und nur wochenweise vollständig zu sehen, üblicherweise für einige Wochen im Sommer und von Mitte August bis in den Herbst hinein. Wer den Boden sehen will, sollte die aktuellen Zeiträume vor der Reise auf der Seite der Opera della Metropolitana di Siena prüfen, die auch die Tickets für Dom, Bibliothek und Museum verkauft.
Direkt neben dem Dom erzählt eine riesige unvollendete Wand vom Ehrgeiz der Stadt: Ab 1339 begann Siena, den Dom zum Querschiff eines gigantischen neuen Doms umzubauen, der die Kathedrale von Florenz übertreffen sollte. Die Pest von 1348 und Baumängel stoppten das Projekt. Geblieben ist der Facciatone, die begehbare Fassadenwand des Duomo Nuovo, von deren Aussichtsterrasse man Dom und Altstadt überblickt.
Santa Maria della Scala, Fontebranda und die Heilige Katharina
Gegenüber der Domfassade liegt Santa Maria della Scala, eines der ältesten Hospitäler Europas. Über Jahrhunderte versorgte es Pilger auf der Via Francigena, dem mittelalterlichen Pilgerweg von Canterbury nach Rom, dazu Kranke und Findelkinder. Heute ist der weitläufige Komplex ein Museumszentrum. Sehenswert sind vor allem der Pellegrinaio, der alte Pilgersaal mit Fresken aus dem 15. Jahrhundert, die das Alltagsleben des Hospitals zeigen, sowie die unterirdischen Ebenen mit dem Archäologischen Museum.
Ein paar Gassen weiter unten, im Contradengebiet der Oca, liegt die Fontebranda, die älteste und größte der mittelalterlichen Brunnenanlagen Sienas, schon im 11. Jahrhundert erwähnt und von Dante in der Göttlichen Komödie genannt. Die überwölbte Quelle versorgte Gerber, Färber und Müller des Viertels mit Wasser. Gleich oberhalb wurde 1347 Caterina Benincasa geboren, die als Heilige Katharina von Siena in die Geschichte einging: Mystikerin, Kirchenpolitikerin, Schutzpatronin Italiens und Europas. Ihr Geburtshaus ist als Santuario di Santa Caterina zu besichtigen, ihre Kopfreliquie wird in der nahen Basilika San Domenico aufbewahrt.
Küche: Pici, Panforte und Ricciarelli
Sienas Küche ist bäuerlich geprägt und hat einige Spezialitäten hervorgebracht, die es so nur hier gibt. Die bekannteste Pasta sind Pici, dicke, von Hand gerollte Nudeln, die klassisch mit Knoblauchtomatensoße (all'aglione), mit Bröseln (con le briciole) oder mit Wildschweinragout serviert werden. Aus den Metzgereien der Umgebung kommt die Cinta Senese, eine alte toskanische Schweinerasse mit geschütztem Herkunftssiegel. Berühmt ist die Stadt für ihr Gebäck: Panforte, ein dichter Gewürzkuchen aus Mandeln, kandierten Früchten, Honig und Gewürzen, geht auf das Mittelalter zurück und wird traditionell zu Weihnachten gegessen, ist aber das ganze Jahr in jeder Pasticceria zu finden. Dazu kommen Ricciarelli, weiche rautenförmige Mandelmakronen mit Puderzucker, und Cavallucci, harte Gewürzkekse. Getrunken wird Wein aus dem Umland: Chianti Colli Senesi aus den Hügeln um die Stadt, dazu die großen Namen aus der Provinz, vom Brunello di Montalcino bis zum Vino Nobile di Montepulciano. Was die Bezeichnungen DOC und DOCG bedeuten, erklärt die Übersicht der Qualitätskategorien italienischer Weine.
Ausflüge: Chianti, Crete Senesi und die Nachbarstädte
Siena ist ein idealer Standort für Ausflüge in den Süden der Toskana. Nördlich der Stadt beginnt das Chianti mit seinen Weinorten, darunter Castellina in Chianti, das über die Chiantigiana-Straße in gut einer halben Stunde erreicht ist. Südöstlich öffnen sich die Crete Senesi, eine karge Hügellandschaft aus grauen Lehmböden, die je nach Jahreszeit grün, goldgelb oder fast mondartig wirkt. Dahinter liegt das Val d'Orcia, selbst UNESCO-Welterbe, mit Zypressenalleen und Bilderbuchdörfern wie Pienza.
Auch die klassischen Städteziele der Region liegen nah. San Gimignano mit seinen Geschlechtertürmen ist rund 40 Kilometer entfernt, die Weinstädte Montalcino und Montepulciano erreicht man in etwa 45 Minuten beziehungsweise einer guten Stunde mit dem Auto. Florenz ist per Bus oder Bahn ein Tagesausflug, und wer weiter ausgreifen will, kombiniert Siena mit Pisa oder Arezzo.
Anreise und beste Reisezeit
Siena hat keinen Flughafen mit Linienverkehr. Die nächsten Airports sind Florenz (rund 80 Kilometer) und Pisa (rund 120 Kilometer), beide mit Direktflügen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Von dort geht es mit Mietwagen, Bahn oder Bus weiter. Mit dem Auto kommt man von Norden über die mautfreie Schnellstraße Firenze-Siena (etwa eine Stunde ab Florenz), von der A1 über die Ausfahrt Valdichiana und den Raccordo Bettolle-Siena. Die Altstadt ist verkehrsbeschränkte Zone, Besucher parken auf den ausgeschilderten Parkplätzen am Rand, etwa am Stadio oder bei San Francesco, von wo Rolltreppen hinauf in die Stadt führen.
Mit der Bahn erreicht man Siena von Florenz über Empoli in etwa anderthalb Stunden, von Rom mit Umstieg in Chiusi. Der Bahnhof liegt allerdings unterhalb der Altstadt, den Höhenunterschied überbrückt eine lange Rolltreppenanlage. Oft schneller und bequemer ist der Überlandbus: Die Schnelllinie ab Florenz braucht etwa 75 bis 90 Minuten und hält direkt am Altstadtrand.
Die beste Reisezeit sind das Frühjahr von April bis Juni und der Herbst von September bis Oktober, wenn die Temperaturen angenehm sind und das Umland grün oder erntereif leuchtet. Der Hochsommer wird in der Hügellage heiß, im Juli und August sind zudem die Palio-Tage zu bedenken: Wer das Rennen erleben will, muss Monate im Voraus buchen, wer Ruhe sucht, meidet die Tage um den 2. Juli und den 16. August. Der Winter ist still und kühl, hat aber seinen Reiz, denn dann gehört der Campo fast allein den Sienesen.








































