Ligurien ist die schmale Küstenregion im Nordwesten Italiens, die sich in einem weiten Bogen zwischen dem Ligurischen Meer und den Bergen entlangzieht. Kaum eine andere Region Italiens drängt so viel auf so engem Raum zusammen: rund 300 Kilometer Küste, dahinter steil ansteigende Hänge, oben Kastanienwälder und Bergkämme jenseits der Tausend-Meter-Marke. Zwischen Meer und Gebirge liegen selten mehr als dreißig Kilometer. Diese Enge prägt alles, die Terrassenlandschaften, die übereinandergestapelten Häuser der Fischerorte und die kurvige Küstenstraße.
International bekannt ist die Region unter dem Namen Italienische Riviera. Sie reicht von der französischen Grenze bei Ventimiglia bis an die Grenze der Toskana und teilt sich in zwei Hälften: die Riviera di Ponente im Westen mit der Blumenriviera und San Remo, und die Riviera di Levante im Osten mit Portofino, den Cinque Terre und dem Golf von La Spezia. Im Zentrum liegt die Hauptstadt Genua, einst eine der mächtigsten Seerepubliken des Mittelmeers.
Wer Ligurien bereist, kombiniert meist mehrere Gesichter: mondäne Badeorte, farbige Dörfer über dem Wasser, eine Küche mit eigenem Charakter und ein Hinterland, das kaum jemand kennt. Dieser Überblick zeigt, wie die Region aufgebaut ist, was ihre Orte auszeichnen und wann die beste Zeit für eine Reise ist.
Ein schmaler Bogen zwischen Meer und Bergen
Geografisch ist Ligurien ein sichelförmiger Streifen an der oberen Kante des italienischen Stiefels. Mit gut 5.400 Quadratkilometern gehört es zu den kleinsten Regionen Italiens. Nach Norden hin steigt das Land sofort an, denn die Region wird vom Bogen der Seealpen und des Apennin gerahmt. Die Wasserscheide verläuft oft nur wenige Kilometer von der Küste entfernt, weshalb die Flüsse kurz und steil sind und viele Orte an engen Talausgängen liegen.
Diese Lage sorgt für das milde Klima, für das Ligurien berühmt ist. Die Berge im Rücken halten kalte Nordwinde ab, das Meer speichert die Wärme. So gedeihen Palmen, Zitrusbäume und Olivenhaine, und im Westen bei San Remo hat sich seit dem 19. Jahrhundert ein bedeutender Blumen- und Gartenbau angesiedelt. Das Hinterland dagegen ist rau, dünn besiedelt und von Wäldern und Weilern geprägt. Es besteht überwiegend aus Berg- und Hügelland, ein Kontrast zur dicht bebauten Küste, der die Region für Wanderer und Radfahrer interessant macht.
Riviera di Ponente: Blumenriviera und der Westen
Der westliche Küstenabschnitt zwischen Genua und Frankreich heißt Riviera di Ponente, nach der untergehenden Sonne. Hier liegt die sogenannte Blumenriviera, deren Zentrum das mondäne San Remo bildet. San Remo ist über die Grenzen Italiens hinaus für sein Musikfestival bekannt, das seit den 1950er Jahren jedes Jahr im Winter stattfindet und als Vorbild vieler europäischer Gesangswettbewerbe gilt. Die Stadt verbindet Belle-Époque-Architektur, ein Casino und eine lange Strandpromenade mit einer verwinkelten Altstadt, der Pigna.
Rund um San Remo reihen sich Badeorte wie Bordighera, Alassio und Diano Marina aneinander, dazwischen die Provinzhauptstadt Imperia, ein Zentrum des ligurischen Olivenanbaus. Etwas weiter östlich liegt Savona mit seiner Festung Priamàr und einem großen Hafen. Der Westen ist flacher und offener als der Osten, die Strände sind länger, und viele Orte leben vom klassischen Badetourismus. Gärten wie der botanische Garten Hanbury nahe der französischen Grenze zeigen, wie üppig die Vegetation dank des milden Klimas ausfällt.
Riviera di Levante: Portofino, Cinque Terre und der Osten
Östlich von Genua beginnt die Riviera di Levante, benannt nach der aufgehenden Sonne. Die Küste wird hier felsiger und dramatischer, die Orte kleiner und teurer. Bekanntester Ort ist Portofino, ein winziges Fischerdorf an einer geschützten Bucht, das seit Jahrzehnten als Treffpunkt der internationalen Prominenz gilt. Gleich nebenan liegen das etwas ruhigere Santa Margherita Ligure und die Halbinsel von Portofino mit der abgelegenen Abtei San Fruttuoso, die nur zu Fuß oder per Boot erreichbar ist.
Das Wahrzeichen des Ostens sind die Cinque Terre, fünf farbige Dörfer, die sich an steile Felsen über dem Meer klammern: Monterosso, Vernazza, Corniglia, Manarola und Riomaggiore. Sie liegen in einem Nationalpark, sind untereinander durch Wanderwege und eine Bahnlinie verbunden und wurden 1997 gemeinsam mit dem Küstenort Portovenere und den vorgelagerten Inseln Palmaria, Tino und Tinetto von der UNESCO zum Welterbe erklärt. Der Küstenpfad Sentiero Azzurro über den Terrassen zählt zu den bekanntesten Wanderwegen Italiens, ist aber wetter- und pflegebedingt nicht immer komplett begehbar. Weiter südlich schließt die Hafenstadt La Spezia den Golf ab, den man wegen seiner literarischen Gäste im 19. Jahrhundert auch Golfo dei Poeti nennt, den Golf der Dichter.
Genua: Hauptstadt zwischen Hafen und Palästen
Die Regionalhauptstadt Genua ist mit ihrer weitläufigen Altstadt eine der größten historischen Stadtkerne Europas. Über Jahrhunderte war Genua eine Seerepublik, deren Kaufleute und Bankiers halb Europa finanzierten. Aus dieser Zeit stammt das dichte Netz aus engen Gassen, den caruggi, in dem sich Kirchen, Handwerksbetriebe und Adelspaläste dicht aneinanderdrängen. Das Wahrzeichen der Stadt ist der Leuchtturm Lanterna, dessen Turm 77 Meter aufragt und mit dem Felshügel darunter eine Gesamthöhe von rund 117 Metern über dem Meer erreicht.
Das architektonische Herzstück bilden die Prachtstraßen aus dem 16. und 17. Jahrhundert mit ihren Adelspalästen. Von den über 160 sogenannten Palazzi dei Rolli stehen 42 zusammen mit den Strade Nuove seit 2006 auf der UNESCO-Welterbeliste, als frühes Beispiel geplanter europäischer Stadtentwicklung. Viele beherbergen heute Museen und Gemäldesammlungen. Am umgebauten Alten Hafen liegt das Aquarium von Genua, eines der größten Europas und ein Publikumsmagnet für Familien. Genua gilt außerdem als Geburtsstadt von Christoph Kolumbus; das Haus nahe der Porta Soprana wird als sein mutmaßliches Geburtshaus gezeigt.
Die Küche: Pesto, Focaccia und Farinata
Ligurien hat eine der eigenständigsten Küchen Italiens, geprägt von Kräutern, Olivenöl und dem, was Meer und karge Hänge hergeben. Ihr berühmtestes Produkt ist das Pesto alla genovese, eine kalte Sauce aus Basilikum, Olivenöl, Pinienkernen, Knoblauch, Salz sowie Parmesan und Pecorino, traditionell im Marmormörser gestampft. Grundlage ist das kleinblättrige Basilico Genovese, das seit 2005 eine geschützte Ursprungsbezeichnung trägt und vor allem an den sonnigen Hängen westlich von Genua angebaut wird. Klassisch wird das Pesto mit Trofie oder Trenette serviert, kurzen Nudeln, oft zusammen mit Kartoffeln und grünen Bohnen.
Ebenso typisch ist die Focaccia, das flache, mit Olivenöl und grobem Salz bestreute Fladenbrot, das man in Ligurien schon zum Frühstück isst. Eine Sonderform ist die dünne, mit weichem Käse gefüllte Focaccia di Recco. Aus Kichererbsenmehl entsteht die Farinata, ein dünner Fladen, der im Holzofen gebacken und heiß in Stücken verkauft wird. Wer die Grundlagen selbst ausprobieren möchte, findet ein Rezept für Focaccia in der Rezeptsammlung. Als süßen Abschluss kennt Genua den Pandolce, einen dichten Weihnachtskuchen mit Trockenfrüchten, den es dort das ganze Jahr über gibt.
Wein aus steilen Terrassen
Der Weinbau in Ligurien ist wegen der Steilheit des Geländes aufwendig und kleinteilig, weshalb viele Weine nur regional bekannt sind. Im Westen dominieren die weißen Rebsorten Pigato und Vermentino, frische, mineralische Weine, die gut zu Fisch und zur ligurischen Küche passen. Der bekannteste Rotwein ist der Rossese di Dolceacqua aus dem äußersten Westen an der französischen Grenze. Eine Spezialität der Cinque Terre ist der Sciacchetrà, ein seltener Süßwein aus getrockneten Trauben, die an den terrassierten Steilhängen über dem Meer wachsen. Die niedrigen Trockenmauern, die diese Terrassen halten, gelten selbst als Kulturdenkmal, weil sie über Jahrhunderte von Hand angelegt wurden und die steilen Hänge überhaupt erst bewirtschaftbar machten. Wer sich einen breiteren Überblick verschaffen will, findet in unserer Übersicht zu den beliebtesten Weinsorten Italiens die Einordnung der ligurischen Weine.
Wandern und Natur im Hinterland
Hinter der Küste beginnt ein Ligurien, das viele Urlauber übersehen. Der Fernwanderweg Alta Via dei Monti Liguri zieht sich über rund 440 Kilometer und mehr als vierzig Etappen quer durch die Region, von Ventimiglia im Westen bis in den Osten oberhalb von La Spezia. Er verläuft entlang des Bergkamms über der Küste, mit Ausblicken, die bei klarem Wetter von den Seealpen bis nach Korsika reichen. Für die meisten Besucher genügen einzelne Etappen oder die vielen kürzeren Rundwege, die von der Küste ins Hinterland führen.
Auch die Küste selbst ist ein Wanderrevier. Zwischen den Dörfern der Cinque Terre, auf der Halbinsel von Portofino und rund um Camogli führen Pfade über den Klippen entlang, die abschnittsweise leicht und andernorts anspruchsvoll sind. Neben dem Wandern sind Baden, Segeln und Tauchen verbreitet; das Meeresschutzgebiet vor Portofino gehört zu den bekanntesten Tauchrevieren des Landes. Einen Überblick über die Buchten und Küstenabschnitte geben die schönsten Strände in Ligurien. Wer länger bleiben will, ist mit einem Ferienhaus in Ligurien gut aufgehoben, gerade außerhalb der Hauptorte.
Anreise und beste Reisezeit
Ligurien ist von Deutschland aus gut erreichbar. Der eigene Flughafen der Region ist der Aeroporto Cristoforo Colombo in Genua, der einige internationale Verbindungen bedient. Für viele Ziele bieten sich zusätzlich die größeren Flughäfen der Umgebung an: Nizza liegt nahe der Westgrenze, Mailand und Turin sind über die Autobahnen schnell erreichbar. Mit dem Auto führen die A10 entlang der Riviera di Ponente und die A12 an der Riviera di Levante durch zahllose Tunnel und über Viadukte, weil das steile Gelände kaum flache Trassen zulässt.
Besonders praktisch ist die Anreise mit der Bahn, denn die Küstenlinie verbindet fast alle Orte, von Ventimiglia über Genua bis La Spezia. Gerade in den Cinque Terre, wo Autos kaum hinkommen und Parkplätze knapp sind, ist der Zug das Mittel der Wahl; ein regelmäßiger Nahverkehr hält an allen fünf Dörfern. Wer aus Norditalien kommt, erreicht Genua von Mailand oder Turin in gut anderthalb bis zwei Stunden. Innerhalb der Region verkehren die Züge dicht getaktet, sodass sich auch ohne Auto mehrere Orte an einem Tag verbinden lassen.
Die beste Reisezeit liegt im Frühling und im Frühherbst. Von Mai bis Juni und im September steht die Küste in voller Vegetation, die Temperaturen sind angenehm, und die Wanderwege über dem Meer sind gut begehbar, ohne dass Hitze und Andrang zu groß werden. Der Hochsommer im Juli und August bringt warmes Badewetter, aber auch volle Orte und hohe Preise, vor allem in Portofino und den Cinque Terre. Dank des milden Klimas lohnt sich Ligurien selbst im Winter, wenn San Remo und die Blumenriviera blühen und die Städte ihre ruhigere Seite zeigen.











































