Loreto liegt in der Region Marken, in der Provinz Ancona, rund 20 Kilometer südöstlich der Provinzhauptstadt. Der Ort zählt gut 13.000 Einwohner und sitzt auf einem Hügel etwa 125 Meter über dem Meer, wenige Kilometer landeinwärts von der Adriaküste. Von dieser erhöhten Lage aus reicht der Blick bei klarem Wetter über die Küstenebene bis zum Meer. Bekannt geworden ist der kleine Ort nicht durch seine Lage, sondern durch die Basilika, die seine Silhouette überragt und jährlich mehrere Millionen Pilger und Besucher anzieht.
Loreto gilt als einer der wichtigsten katholischen Wallfahrtsorte überhaupt und wird häufig als bedeutendster Marienwallfahrtsort Italiens genannt. Im Zentrum steht das Santuario della Santa Casa, die Basilika über dem sogenannten Heiligen Haus. Der Überlieferung nach handelt es sich dabei um das Wohnhaus Marias aus Nazaret. Diese Erzählung ist ein Glaubensinhalt und keine historisch gesicherte Tatsache, doch sie hat den Ort über Jahrhunderte geprägt und ihn zu einem Ziel gemacht, das mit Rom, Assisi und wenigen anderen Stätten in einer Reihe steht.
Der Tagestourismus ist stark religiös geprägt, dennoch lohnt der Besuch auch für alle, die sich für Kunst, Architektur und Renaissancegeschichte interessieren. Wer die Basilika, den Marktplatz davor und den angrenzenden Palast in Ruhe anschaut, verbringt hier gut einen halben bis ganzen Tag und kann ihn bequem mit den Orten der Umgebung verbinden. Weil sich die Verehrung über Jahrhunderte gehalten hat, ist Loreto gut auf Besucher eingestellt. Trotz der geringen Größe des Ortes gibt es zahlreiche Unterkünfte, Pilgerherbergen und Gaststätten, die sonst eher in größeren Städten zu erwarten wären. Die Gäste, die man an der nahen Küste als Badeurlauber trifft, werden hier durch Pilger und kulturell interessierte Reisende ersetzt.
Das Santuario della Santa Casa
Der Bau der Basilika begann im Jahr 1468. Über mehr als ein Jahrhundert wirkten daran namhafte Baumeister der Renaissance mit, darunter Giuliano da Maiano, Giuliano da Sangallo und Donato Bramante. Die Fassade wurde erst gegen Ende des 16. Jahrhunderts vollendet. Das Ergebnis ist ein Bauwerk, das spätgotische Grundformen mit Elementen der Renaissance verbindet und von einer mächtigen Kuppel bekrönt wird, die zu ihrer Entstehungszeit zu den größten Italiens zählte. Von außen wirkt die Basilika mit ihren wehrhaften Mauern fast wie eine Festung, was mit der Lage nahe der damals von Überfällen bedrohten Küste zusammenhängt.
Im Inneren, unter der Kuppel, steht das eigentliche Ziel aller Pilger, ein schlichtes Steinhaus aus drei Wänden. Der Überlieferung zufolge gelangte dieses Haus im Jahr 1294 nach Loreto, der Legende nach von Engeln über die Adria getragen. Der Name des Ortes wird traditionell von einem Lorbeerhain abgeleitet, lateinisch lauretum, der an dieser Stelle gestanden haben soll. Neben der frommen Erzählung gibt es auch die Deutung, dass Steine aus dem Heiligen Land tatsächlich per Schiff hierher gebracht wurden. Ein Dokument aus dem Jahr 1294 nennt in diesem Zusammenhang die Familie Angeli, deren Name die Verbindung zu den Engeln der Legende erklären könnte. Historisch belegt ist die Herkunft des Hauses nicht, gesichert ist allein, dass Loreto seit dem späten 13. und dem 14. Jahrhundert als Wallfahrtsort belegt ist.
Die Santa Casa und ihre Marmorverkleidung
Das schlichte Steinhaus im Zentrum der Basilika wurde im frühen 16. Jahrhundert mit einer aufwendigen Marmorverkleidung umgeben, die den Charakter des Ortes bis heute bestimmt. Der Entwurf für diese Ummantelung stammt von Donato Bramante, der auch am Neubau des Petersdoms in Rom beteiligt war. Die Ausführung zog sich über Jahrzehnte hin und fiel in die Amtszeit mehrerer Päpste, unter anderem Leo X., Clemens VII. und Paul III. An der Gestaltung der Reliefs und Figuren arbeiteten führende Bildhauer der Zeit mit, darunter Andrea Sansovino.
Die Marmorschranke zeigt in ihren Reliefs Szenen aus dem Leben Marias, etwa die Verkündigung und die Geburt Jesu, dazu Prophetenfiguren und Sibyllen. Sie gilt als eines der bedeutenden Bildwerke der italienischen Renaissance und bildet einen bewussten Gegensatz zum rauen, unverputzten Mauerwerk im Inneren des Hauses. Wer eintritt, sieht also zwei Ebenen zugleich, die kostbare Außenhülle aus weißem Marmor und die schmucklosen Steinwände, die den Kern der Verehrung ausmachen. Die Arbeiten an der Verkleidung zogen sich über einen großen Teil des 16. Jahrhunderts hin und wurden von wechselnden Künstlern fortgeführt, was sich an den unterschiedlichen Handschriften der Reliefs erkennen lässt. Der Boden der Basilika und die reich geschmückten Kapellen im Umgang runden den Eindruck ab, dass hier über Generationen hinweg mit großem Aufwand gebaut und ausgestattet wurde.
Die Schwarze Madonna von Loreto
In der Santa Casa wird eine Marienfigur verehrt, die als Schwarze Madonna von Loreto bekannt ist. Die ursprüngliche Statue wurde 1921 bei einem Brand im Inneren des Heiligen Hauses zerstört. Kurz darauf entstand ein neues Bildwerk, das dem alten nachempfunden ist. Es wurde aus dem Holz einer Libanonzeder gefertigt, die aus den Vatikanischen Gärten stammte, und 1922 im Petersdom feierlich gekrönt. Die dunkle Farbe der Figur geht bei der Vorgängerin auf Alterung und Rußablagerungen zurück, sie wurde beim neuen Bildwerk übernommen und ist heute Teil des vertrauten Erscheinungsbildes.
Eng mit Loreto verbunden ist auch die Lauretanische Litanei, ein Gebet mit einer langen Reihe von Anrufungen Marias. Ihre heute gebräuchliche Form bildete sich im 16. Jahrhundert in Loreto heraus, sie wird bis in die Gegenwart in der katholischen Kirche gebetet. Der Beiname Lauretanische Litanei verweist unmittelbar auf den Ort, an dem sie ihre feste Gestalt fand.
Schutzpatronin der Flieger und Papstbesuche
Eine Besonderheit von Loreto ist die Verbindung zur Luftfahrt. Im Jahr 1920 erklärte Papst Benedikt XV. die Madonna von Loreto zur Schutzpatronin der Flieger und Luftreisenden. Der Bezug ergibt sich aus der Legende vom Haus, das durch die Luft getragen worden sein soll. Seither pilgern Angehörige der Luftfahrt nach Loreto, und die Madonna von Loreto ist in vielen Ländern in Kapellen und an Flughäfen präsent.
Die Bedeutung des Ortes zeigt sich auch an den Besuchen mehrerer Päpste. Johannes Paul II. kam mehrfach nach Loreto. Benedikt XVI. betete 2007 im Heiligen Haus und feierte in Loreto ein großes Jugendtreffen. Papst Franziskus besuchte den Wallfahrtsort am 25. März 2019 und unterzeichnete hier das nachsynodale Schreiben Christus vivit, das sich an junge Menschen richtet. Diese Besuche unterstreichen den Rang, den Loreto innerhalb der katholischen Kirche einnimmt.
Piazza della Madonna und der Apostolische Palast
Vor der Basilika öffnet sich die Piazza della Madonna, der zentrale Platz von Loreto. In seiner Mitte steht ein Brunnen aus dem frühen 17. Jahrhundert, an den Seiten wird der Platz von Arkaden gerahmt. Diese gehören zum Apostolischen Palast, italienisch Palazzo Apostolico, der die Basilika an zwei Seiten umschließt. Der Palast wurde teilweise nach Entwürfen Bramantes begonnen und über lange Zeit weitergebaut, sodass sich hier verschiedene Bauphasen ablesen lassen.
Im Apostolischen Palast ist heute das Museum des Heiligtums untergebracht. Zu den bedeutenden Beständen gehören Werke von Lorenzo Lotto, einem der wichtigen Maler der venezianischen Renaissance, der seine letzten Lebensjahre in Loreto verbrachte. Ergänzt wird die Sammlung durch Gemälde, Gobelins und liturgisches Gerät. Auch außerhalb der Basilika lohnt ein Rundgang durch den historischen Ortskern, dessen Mauern und Bastionen aus dem 16. Jahrhundert teilweise erhalten sind und an die Zeit erinnern, als der Ort gegen Angriffe von See her befestigt wurde.
Der Ort Loreto und seine Umgebung
Loreto liegt günstig, um mehrere Ziele der mittleren Adriaküste zu verbinden. Nur wenige Kilometer entfernt liegt die Nachbarstadt Recanati, die Heimatstadt des Dichters Giacomo Leopardi, dessen Wohnhaus und Geburtsort dort zu besichtigen sind. Beide Orte teilen sich die sanfte Hügellandschaft der Marken, die von Weinbergen und kleinen Städtchen geprägt ist. Weiter nördlich, an der Küste, liegt die Provinzhauptstadt Ancona mit ihrem Hafen und der romanischen Kathedrale.
Wer Baden und Natur mit einem Loreto-Besuch verbinden möchte, findet dies an der Riviera del Conero. Der Küstenabschnitt rund um den Monte Conero mit seinen Steilküsten und Buchten liegt in Sichtweite und ist im Bereich des Parco del Conero geschützt. Zu den bekanntesten Badeorten dort zählen Sirolo und Numana. Direkt unterhalb von Loreto, an der Küste, liegt Porto Recanati. Landeinwärts lohnt zudem ein Abstecher in die Universitätsstadt Macerata oder in die kleine Bischofsstadt Osimo. Loreto eignet sich damit gut als ruhiger Ausgangspunkt für Ausflüge in eine Region, die abseits der großen Touristenströme liegt.
Anreise und beste Reisezeit
Mit dem Auto ist Loreto über die Autobahn A14 (Bologna nach Taranto) zu erreichen. Die Ausfahrt trägt den Namen Loreto/Porto Recanati, von dort sind es nur wenige Kilometer bis in den Ort. Parkplätze finden sich am Rand des historischen Zentrums, das selbst weitgehend fußläufig erkundet wird. Für die Weiterfahrt an die Küste oder in die Nachbarorte ist ein eigenes Fahrzeug praktisch, da das Umland nur eingeschränkt mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen ist.
Mit der Bahn erreicht man Loreto über die Adria-Linie zwischen Ancona und Pescara. Der Bahnhof Loreto liegt allerdings unten in der Küstenebene, nahe Porto Recanati, während das Zentrum mit der Basilika oben auf dem Hügel liegt. Vom Bahnhof aus fährt ein Bus die rund drei Kilometer und einige Höhenmeter hinauf in den Ort, alternativ steht ein Taxi bereit. Wer die Anreise plant, sollte diesen Unterschied zwischen Bahnhof am Meer und Ortskern auf dem Hügel einkalkulieren, da der Fußweg mit Gepäck steil und lang ist. Der nächstgelegene Flughafen ist Ancona-Falconara, von dort ist Loreto in etwa einer halben Stunde mit dem Mietwagen erreichbar. Von größeren Städten wie Rom oder Bologna aus lässt sich Loreto am bequemsten mit einer Kombination aus Bahn und dem Anschlussbus oder mit dem Auto ansteuern.
Für einen Besuch eignen sich vor allem das Frühjahr und der Frühherbst, wenn die Temperaturen an der Adria angenehm sind und die Sommerhitze der Küstenorte noch nicht oder nicht mehr drückt. Wer die Basilika in ruhiger Atmosphäre erleben möchte, meidet am besten die großen Marienfeste, an denen viele Pilger anreisen. Ein wichtiger Termin ist der 10. Dezember, das Fest der Übertragung des Heiligen Hauses, das in Loreto mit besonderer Feierlichkeit begangen wird. Rund um die Marienfeste ist der Ort am lebendigsten, dann aber auch am vollsten. Wer es eher beschaulich mag, plant seinen Besuch an einem gewöhnlichen Wochentag außerhalb der Hauptpilgerzeiten.


















